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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 14 (1909) · p. Seite 317

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
14 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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o o o o Ar. ured. Mattster Faqneuv: Mas bleutet das liberale Judentum 317 lismus, daß über sein Verhältnis zur Orthodoxie allgemein eine richtige Auffassung herrsche, und daher möchte ich bei diesem Punkte noch etwas verweilen. Man kann innerhalb der jüdischen Orthodoxie drei Arten sehr wohl unterscheiden. Da sind zunächst die wahrhaft Altgläubigen, sie sind von der Mahr heit und dem unmittelbar göttlichen Ursprung der Bibel in allen ihren Teilen unerschütterlich durchdrungen und schreiben den späteren Erläuterungen, Lehren und Vorschriften eine heilige, den Einzelnen für alle Zeiten bindende und verpflichtende Kraft zu; ein Sichauflehnen gegen das Ueberkommene, ja nur ein Kritisieren desselben gilt ihnen als „Sünde". Die Orthodoxen der zweiten Gruppe handeln genau wie die der ersten, aber aus andern Beweggründen. Auch sie rühren an keinem Steinchen des jüdischen Lehr-Gebäudes, auch sie scheuen sich vor der geringsten Aenderung am Ueberlieferten, aber nicht so sehr aus gläubiger Ueberzeugung wie aus Furcht, dem Judentum damit zu schaden, aus Besorgnis, durch Fortnahme auch der kleinsten äußern Stütze das Fundament des Judentums zu erschüttern. Mit diesen beiden Richtungen der Orthodoxie hat der Liberalismus, wiewohl seine Auffassung vom Mesen des Judentums eine völlig andere ist, durchaus nicht zu kämpfen, er muß sie vielmehr als Bundesgenossen im gemeinsamen Kumpfe gegen die Feinde des Judentums ansehen und als solche schätzen. Und persönlich wird gewiß jeder liberale, d. h. duldsame Jude die größte Hochachtung für die Männer empfinden, die, weil ihre innerste Ueberzeugung es von ihnen verlangt, freudig alle die Unbequemlichkeiten und Schädigungen auf sich nehmen, mit denen die strenge Innehaltung und genaue Befolgung der gesamten jüdischen Gesetzesvorschriften im heutigen bürgerlichen Leben so häufig verbunden ist. Solcher Männer aber sind wenige, sehr wenige im Verhältnis zur Gesamtzahl der westeuropäischen und amerikanischen Juden! Immer geringer wird die Zahl derer, die dem, unserm religiösen Bewußtsein heute wertlos erscheinenden Zeremonialgesetz, wert und Bedeutung beimessen, die das alttradi- Lionelle Judentum in vollem Umfange anerkennen und auch da fortfiihren, wo es im Miderstreit mit den Anforderungen des modernen Lebens und Denkens steht. Je weiter geistige und kulturelle Aufklärung vorschreiten, je mehr soziale und wirtschaftliche Ansprüche an uns Juden herantreten, um so stärker und rascher wächst die Schar derer, die alle überlieferten Vorschriften als unnützen und drückenden Ballast abschütteln, alle das Leben einengenden Bestimmungen als lästige Fesseln abstreifen, dabei aber häufig mit der Schale zugleich den Kern fortwerfen und, in dem Irrtums befangen, mit dem Zerreißen der äußeren Umhüllung das Mesen des Judentums preisgegeben zu haben — der jüdischen Sache durch direkten Abfall oder jedenfalls durch innere Gleichgültigkeit verloren gehen! Lsier nun setzt der Liberalismus ein! Seine Aufgabe ist nicht, auch nur eine einzige Seele der Orthodoxie zu entfremden, sondern alle die zahllosen, die das unerbittliche Leben der Orthodoxie entreißt, in seine Arme aufzunehmen und festzuhalten beim Judentum, beim liberalen Judentum, einem freilich anders als das altväterliche erscheinenden, aber geschichtlich berechtigten, wahren und echten Judentum. Aus diesem Grunde, aus dieser seiner zwischen Lehre und Leben vermittelnden Stellung ergibt sich nun aber für den Liberalismus zugleich die Pflicht, mit aller Energie die dritte Art der Orthodoxie zu bekämpfen, jene Richtung, die das in der hergebrachten Form auftretende Judentum alsdasIudentum schlechthin bezeichnet, die alle Versuche

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