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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 14 (1909) · p. Seite 316

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
14 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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316 O O o o Ar. «red. Walther Faqueur: Mas bedeutet das liberale Judentum sollten diesem gewissermaßen natürlichen Prozesse gleichgültig und untätig gegenüberstehen, sollten passiv und teilnahmlos zuschauen, wohin und wie rasch das Rad rolle, statt ihnr frisch und tatkräftig in die Speichen zu fallen, seinen: Laufe Richtung und Maß zu weisen? Ist es des Rkenschen höchstes Vorrecht vor allem Lebenden auf der Erde, durch seinen Begriffe bildenden Verstand und seine Ideen spiegelnde Vernunft entlegenste Vergangenheit und fernste Zukunft in seinem Geiste verknüpfen, Zeit und Raum gleichsam überwinden zu können, so ist es auch seine vornehmste Pflicht, sich mit allen seinen Kräften und Fähigkeiten in den Dienst der ewig webenden Entwicklung zu stellen, nicht leidendes Objekt, sondern tätiges Subjekt des Weltprozesses zu sein. Und doppelt heilig ist diese den Rkenschen innewohnende Verpflichtung dort, wo es sich um Fortentwickelung der höchsten Lebenswerte, um Veredlung und Vervollkommnung der allein wahre innere Kultur schaffenden Religion handelt! Ein Zug zur Religion kennzeichnet unsere Zei?; allerorten auch innerhalb des Thristentums machen sich Reform-Bestrebungen und Bewegungen geltend, und alle ernsthaft liberalen Strömungen bedeuten, wie jüngst erst Rabbiner Dr. Baeck treffend ausgeführt, nichts anderes als eine „Rückkehr zum Judentum" oder zum mindesten eine „Umkehr zum Judentum". Und wir Juden sollten in solcher Zeit müßig und abseits stehen, und nicht vielmehr mit ganzer Kraft Mitarbeiten auf diesem, uns ureigensten Gebiete, an unserm Teile beitragen zum religiösen und kulturellen Fortschritt der Menschheit? Wahrlich eine größere Verblendung, ein schlimmeres Verkennen der eigenen Aufgabe und Bestimmung ließe sich nicht erdenken! Hier ist der ptmlt, wo Orthodoxie und Liberalismus sich deutlich von einander scheiden, wo ihre Wege sich trennen und der Liberalismus sich den pfad selbst suchen muß, den zu wandeln ihn seine innerste Ueberzeugung zwingt. Grundfalsch und verkehrt ist aber die oft gehörte Ansicht, der schlimmste Feind des Liberalismus sei die Orthodoxie schlechthin, nur sie zu bekämpfen, sei sein Beruf, im Niederreißen und Zerstören veralteter Formen und Normen erschöpfe sich seine Aufgabe! Die solches behaupten, sie verkennen völlig Wesen und Wirken des liberalen Judentums, und grade hierüber sollte doch allgemeine Uebereinstimmung in den eigenen Reihen und hellste Klarheit bei Freund und Feind herrschen! Wir sind nicht nur liberale Juden, sondern in erster Reihe liberale Juden, das heißt: wir bekämpfen gemeinsam mitdenorthodoxenI irden denselben Gegner: die Religionsfeindlichkeit, den Materialismus und Indifferentismus, welche die Reihen der Iudenheit in immer erschreckenderer Weise lichten. Liberalismus und Orthodoxie im Judentum haben doch im letzten Grunde — das sollten Beide nie aus den Augen verlieren — das gleiche Ziel, den gleichen Gegner, nur in den Mitteln, die sie zur Erreichung dieses Zieles, zur Niederzwingung dieses Gegners für die besten und geeignetsten halten, unterscheiden sie sich von einander. Zwischen Orthodoxie und Liberalismus soll und darf daher kein Bruderkrieg herrschen, durch den, wie immer er ausginge, nur die Beiden gemeinsame Sache: die Stärkung und Kräftigung des Judentums schwer geschädigt werden würde. Beide Richtungen sollten vielmehr in friedlichem Wettbewerb, mit Einsetzung aller ihrer Kräfte um den Siegespreis ringen, und dieser preis, er ist dasHerzderj irdischen Jugend, die Seele der kommenden Generationen, die ZukunftdesIudentums! Mir erscheint es von der allergrößten Bedeutsamkeit für die Förderung des Libera-

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