Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 14 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. med. Walther Faqueur: Was bedeutet das liberale Judentum 315 Was bedeutet das liberale Judentum für untere Zeit? Von Dr. med. Walther Caqueur-Bad €ms. III. nt Gegensatz zu allen andern Glaubensgemeinschaften ist das Judentum seinem innersten wesen nach Idee — Erkenntnis — nicht aber Dogma — Bekenntnis —; demgemäß übt es nicht den geringsten Zwang aus das spezielle Denken seiner Bekenner aus. während die Geschichte anderer Konfessionen überreich ist an Zusammenstößen zwischen Religion und Wissenschaft, führt das Judentum an keinem Punkte zu einem Konflikt mit irgend welcher wissenschaftlichen Lehre. Db die xtolemäische oder die koxernikanische Ansicht über den Bau der Sternenwelt und die Gesetze ihrer Bewegungen zutrifft, ob eine Sündflut das gesamte Leben auf der Erde mit dem Untergange bedroht hat, wie es die Sagen vieler Völker und so auch die Bibel uns künden, oder ob, wie Tüvier lehrte, verschiedenliche gewaltige, alles Leben vernichtende Katastrophen unsern Planeten im Laufe der Iahrmillionen getroffen, ob die Vorstellung von der Konstanz der Arten, die von Aristoteles bis Linns die gesamte beschreibende Biologie beherrschte, oder die entgegengesetzte, von Wolfs über Göthe und Lamark zu Darwin führende Anschauung von der Veränderlichkeit aller organischen Formen zu Recht besteht, — unberührt und unangefochten von allem Streit der Theorien, hoch erhaben über allem, die äußere Welt der Erscheinungen durchtobenden Kampfe thront in unwandelbarer, unangreifbarer Majestät, die die innere Welt des Seins durchleuchtende Lehre des Judentums: „Das weltxrinzix ist ein sittliches." Einzig und allein der wunderbaren Macht dieser „jüdischen Idee" ist es zu danken, daß ihre Bekenner, „die Juden", den furchtbaren Druck, dem sie durch die Jahrhunderte ausgesetzt waren — vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus eine ganz einzigartige Erscheinung — zu ertragen und zu überdauern vermochten, daß sie sich unvermindert an Zahl und ungebrochen an innerer Lebenskraft und Energie erhalten haben bis auf den heutigen Tag. Selbstverständlich waren die äußeren Schicksale der Iudenheit nicht nur von allergrößtem Einfluß auf die physische und psychische Beschaffenheit der Juden als Träger der jüdischen Idee, sondern auch von weitreichender Bedeutung für die Form und Gestaltung dieser Idee selbst. Ls ist völlig erklärlich, daß in den Zeiten unausgesetzter Verfolgungen und Leiden die äußeren Zeichen der Zusammengehörigkeit ganz besonders betont und gewertet wurden, um so mehr, als das Bildungs- und Kulturniveau der Gesamtheit, wenn auch relativ hoch, doch absolut noch ein recht niedriges war. Mit einem Wort: Die Entwickelung, die das Judentum von Anbeginn seines Auftretens auf der weltbühne bis zur Jetztzeit genommen, ist historisch bedingt und darum unserm Verständnis durchaus zugänglich. Ebenso einleuchtend ist aber jedem unbefangenen, vorurteilsfreien Menschen der Gegenwart, daß Entwickelung niemals zum Abschluß kommt, daß sie an keinem Punkte künstlich gehemmt und unterbrochen werden kann. Zweifellos werden die gewaltigen Umwälzungen der äußeren Lebensbedingungen, die ein großer Teil der Iudenheit im Laufe des letzten Jahrhunderts erfahren hat, ganz von selbst einen einschneidenden Einfluß auch auf das Judentum ausüben, wir aber, wir Juden, wir