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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 13 (1909) · p. Seite 311

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
13 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 311 (sequence 23)
Language
German
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o o o o Ar. F. Kaeck: Christliche Kultur 311 vordem Der nachfolgende 2lrtikel eröffnet eine besondere Abteilung unserer Monatsschrift, in der von jetzt an regelmäßig unter Leitung Chriffliche Kultur. Von Dr. £. Baeck-DüHeldorf. in Kapitel aus jener Philosophie, die nur die nachträgliche Entschuldigung darstellt für das, was man getan hat, weil man es eben hat tun wollen, ist überschrieben: der Eintritt in die christliche Kultur. Wer vom Judentum fortgeht und ins weitgeöffnete Tor der Kirche einzieht, aber es vor sich und vor den Menschen nicht wagen kann, von religiösen Gründen dieses Schrittes zu reden, der spricht gern von dem Gebot, seine Zugehörigkeit zur europäischen Gemeinschaft der christlichen Kultur äußerlich zu bekunden. Vielleicht beruft er sich dabei auch auf die Wissenschaft, vielleicht auf Mommsen — freilich hierin keinen klassischen Zeugen, da er dazu neigte, religiöse Fragen als staatsrechtliche zu betrachten, so wie er es von der alten römischen Religion her gewohnt war. Er hatte es gesagt, und je und je wird es ihm nachgesxrochen, daß das Wort Christenheit das einzige Wort sei, das den Charakter der heutigen internationalen Kultur zusammenfasse. Wie steht es hierum? gab und gibt es eine christliche Kultur? Für das Mittelalter ist die Frage in gewissem Sinne zu bejahen. Die Kultur, die das Abendland damals besaß, war eine römisch-katholische, eine geistliche Kultur. Den bekehrten Völkern wurde die alte Bildung, die latainische Zivilisation, durch die Kirche gebracht. Man darf das Christliche und überhaupt das Religiöse darin nicht zu sehr betonen. Ihre umfassendsten Siege hat die Kirche ja durch das errungen, was an ihr, streng genommen, nicht christlich war. Der allgemeine sittliche Stand im Mittelalter war, so sehr es edle, rührende Einzelerscheinungen gab, ein derartiger, daß die Kirche selbst erkung. von Rabbiner Dr. L. Baeck-Düsseldorf ein Aufsatz religionsgeschichtlichen oder apologetischen Inhalts erscheinen soll. es abwehren würde, in ihm das walten einer christlichen Kultur, im vollen Sinne des Eigenschaftswortes, zu finden. Es war im wesentlichen nur eine kirchliche Gleichförmigkeit, die die Völker unter dem Namen der katholischen Christenheit zusammenfaßte. Das Kirchliche war das Einigende und das Beherrschende, so sehr, daß für die allgemeinen Kultur- und Bildungsfaktoren wenig Raum blieb; die Glanbensfragen drängten alle anderen zurück. In diesem Betracht bietet das Mittelalter das Bild einer christlichen Kultur; es zeigt die europäischen Nationen als Kinder der Kirche. Aber schon vor den Tagen seines Ansgangs treten durchaus andere Gestaltungen hervor. Das Drängen nach neuer Bildung und neuem Lebensinhalt, wie es sich damals zu regen begann, war zum wesentlichen Teil ein Kampf für die weltliche, gegen die kirchliche Kultur. Zwar wurden diese Bestrebungen noch einmal zurückgedrängt, für lange Zeit, für volle zwei Jahrhunderte. Es entstehen Kirchen neben der katholischen. Ihnen waren engere Grenzen gezogen, aber in diesen trachteten auch sie danach, die Welt und ihre Kultur kirchlich zu gestalten. Erst dem Jahrhundert der Aufklärung gelang es endgültig, die freie Bahn zu öffnen. Die neue Kultur, die sich nun weiter entwickeln kann, ist nicht nur unkirchlich, sondern zumeist kirchenfeindlich. Die Männer, die ihre ersten Träger und Förderer waren, haben ihre Gedanken nur im Streit mit den herrschenden religiösen Gewalten durchsetzen können. Der weg, den sie dem Fortschritt im geistigen und gesellschaftlichen Leben gewiesen haben, nimmt seine Richtung durchaus unabhängig vom Christentum; er ist bestimmt durch den

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