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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 13 (1909) · p. Seite 312

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
13 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 312 (sequence 24)
Language
German
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312 Ar. £. Kaeck: Christliche Kultur Gegensatz oder zum mindesten durch die bewußte Gleichgültigkeit gegen die Kirche. Wenn wir die europäische Kultur unsrer Tage nach ihrem Anfänge und ihrem Wesen zerlegen, so finden wir: sie ist alles, nur nicht christlich. Sie ist geschaffen und herbeigeführt worden durch die großen Entdeckungen, durch die gesellschaftlichen, staatlichen und wissenschaftlichen Umwälzungen in unseren und der Väter Tagen. Aber dies alles ist, von einzelnen Erscheinungen in der englischen Welt abgesehen, erreicht worden ohne oder gegen die Kirche. Sie stand entweder dabei oder dagegen, und sie hat höchstens die Ergebnisse hie und da sich nutzbar zu machen gesucht. So gehört die christliche Kultur einer Vergangenheit an; nach ihr verlangen, heißt das Mittelalter zurückbegehren. Nur innerhalb des Klosterbezirkes hat sie heut noch ein Gebiet Wen der Wunsch, ihr zuzugehören, aus dem Judentum fortdrängt, der muß daher, um sie zu finden, als ehrlicher Mensch durch das Tor treten, hinter dem die Gelübde des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit herrschen. Oder etwa, er müßte, falls ihn diese Romantik nicht lockt, den zweiten Weg gehen, der zur christlichen Kultur heute noch hinbringt, den, der nach dem Südosten unseres Erdteils führt, dorthin, wo die interessanten Völkerschaften streiten und die Konfession allein die nationale und staatliche Zugehörigkeit bezeichnet. Dort ist die Kultur noch im eigentlichen Sinne die kirchliche und die christliche, mag sie nun eine griechische oder eine bulgarische oder armenische Aufschrift tragen. „Geh' ins Kloster oder geh' nach Mazedonien!" so antworten wir darum dem klugen Mann, der von dem Gebote spricht, der christlichen Kulturgemeinschaft sich zuzurechnen. Zum Schluß noch eine prinzipielle Frage: Ist nicht christliche Kultur überhaupt ein widerspruchsvoller Begriff? Die Religion hat es mit der Persönlichkeit, mit der individuellen seelischen Welt zu tun; diese soll durch den bleibenden Inhalt der Religion versittlicht und veredelt werden. Die Kultur dagegen kennt weniger den Einzelmenschen mit seinem besonderen Wünschen und Hoffen als vielmehr das wogende und wechselnde soziale £ehen mit seinen allgemeinen staatlichen, geistigen und wirtschaftlichen Interessen, die ihre Förderung heischen. Eine Religion, die die gesamte Kultur eines Landes ergreifen und bestimmen möchte, entfernt sich damit notwendig von ihrer eigensten Aufgabe, dem persönlichen Werte des Menschen immer reiner zu dienen. Sie kommt nur zu bald dazu, das individuelle religiöse Recht mit seinen Ansprüchen hinter andere Zwecke, weltlicher Art, zurückzusetzen, wenn nicht gar es zu erdrücken. Wofür ja z. B. die Zeiten und Länder, in denen eine christliche Kultur weithin herrschte, den Beweis liefern. Wir geben gern dem Wort von der christlichen Persönlichkeit, von der Frömmigkeit, von dein Familienleben des Lhristen sein volles Recht, stellen freilich das Ideal, wie es alledem entsprechend, sich im Judentum verwirklicht hat, seines Wertes bewußt davor. Aber das Wort von der christlichen Kultur und ihrer umfassenden Bedeutung weisen wir entschieden zurück, auch deshalb schon, weil wir darin den Widerspruch zu dem innersten Wesen der Religion erblicken. Das Problem der Kultur fragt keinen: wie denkst du deinen Gott? Die Arbeit an ihr steht den Bekennern jedes Glaubens offen, um so mehr, je weniger ein Glauben die Kultur für sich allein beansprucht. Alle können sich hier zusammenfinden, und der Reichtum an mannigfaltiger religiöser Eigenart ist dabei nur zum Segen. Je persönlicher einer durch seinen religiösen Charakter geworder ist, desto inhaltvoller wird der Anteil sein, den er zu dem Werke der allgemeinen, allen gemeinsamen Kultur herzuträgt. Lerausgegeken von der Vereinigung für bas liberale Judentum Merlin 6 2, Heiligegeiststraß e 45. Mr die Redaktion und den Vertag verantwortkch Dr. Ä. Leligmann. Frankfurt a. Al., Diefenau 50 Druck und Lrpcöition von Voigt <fe> «Kleiber, Frankfurt a. Al., Mibergasse 6.

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