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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 13 (1909) · p. Seite 310

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
13 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 310 (sequence 22)
Language
German
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310 Ar. I. Goldschmrdt: Nation oder Religion? Mas Judentum am Scheidewege o o geschichtlichen Feste Israels sind nicht Remi- I niszenzen der Nation, sondern der Religionsgemeinschaft. — Das „Missionsideal der neuern Rabbinen" löst in Joseph die beißendste Satyre aus. Zunächst fragt er „die Vertreter dieses wunderlichen Missionsglaubens, woher sie ihn denn eigentlich genommen haben? Aus der heiligen Schrift doch wohl nicht! Denn dort ist ja von einer zweiten Zerstörung, von dem „edomitischen Golus" überhaupt nicht die Rede" (5. 38). Und aus dem Talmud? Dieser ist „dem prosel^tismus wenig günstig" (S. 39). Die reedsreüs äe 1a pa-tsrnite führt also zu dem Schluß: „Ls ist vielmehr ein noch ganz junges, von den Neuern dem Judentum untergeschobenes Rind" (S. ^O). Ls ist „ein Versuch der Neuern, die verschlungenen Pfade der Vorsehung zu deuten, und nicht einmal ein guter: denn das Rechenexempel stimmt nicht! Achtzehn hundert Jahre leben wir bereits in der Zerstreuung! Welche religiöse Mission haben wir denn in dieser langen bangen Zeit gehabt?" (S. ^0.) Aber vielleicht „erst jetzt? Nachdem 1800 Jahre für den Zweck der gepriesenen Rkission vergeblich verronnen sind?" . . . „Natürlich, was macht das bei der Vorsehung aus? Das Lnde! Das Lnde! . . Das Lnde aber wird um so herrlicher sein! Denn Israel wurde zu einer ungeheuren Mission aufgespart! . . . Seht ihr nicht, wie die Völker lechzen?" ic. (S. H2.) Ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Die „neuern Rabbinen", die ein Rkissionsideal haben, von dem sie nicht wissen, woher sie es haben, sie müssen es sich schon gefallen lassen, die Zielscheibe des feinsten Spottes zu sein! — Ich glaube aber, Herr Dr. Joseph hätte sichs doch zweimal überlegen müssen, ehe er so weit ging, dem Judentum der Vergangenheit jede Rkission abzusprechen und nur dem zionistischen Judentum der Zukunft eine nationale Rulturmission zuzuschreischreiben. So leichtfertig sollte man mit den heiligsten Gütern nicht umgehen. ' Solche Mittel heiligt kein Zweck. lvenn das Judentum, wie wir oben auseinandersetzten, den Menschen entdeckt hat, die Gleichheit aller Menschen, die Linheit des Menschengeschlechtes und die religiöse Ausprägung dieser Linheit, den Monotheismus, zuerst gelehrt und diese lehren dem Rirchenwesen zweier Tochterreligionen gegenüber in Reinheit behauptet hat, so dürfte das schon eine Mission sein, die für einen vieltausendjährigen Zeitraum genügt, eine Mission, die man auch auf jeder Seite der Thora und des jüdischen Schrifttums aller Zeiten finden kann. Und das alles leugnen, verhöhnen, um einer Zukunftsmusik willen: das ist, gelinde gesagt, wenig gewissenhaft. Sicher ist es aber eine traurige Verblendung, ein noch so großes Zukunftsideal um den Preis des sicheren Besitzes einer solchen Mission in der Vergangenheit zu erstreben. Wenn der Zionismus sein Zukunftsideal einer nationalen Rultur verwirklicht haben wird, dann, aber nur dann . . . nach tausend, tausend Jahren mag er vor den Richter hintreten und für seine Mission um den Lorbeerkranz der Geschichte mit der Mission des Judentums als Glaubensgemeinschaft ringen. Gb dann der weise Richter nicht auch lächelnd urteilen wird: binjan nearim sz’tira, der Aufbau der Jugend ist Linreißen? Aber bis dahin sollte er bescheiden sein und Lhrsurcht vor den alten Heiligtümern haben. —

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