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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 13 (1909) · p. Seite 309

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
13 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 309 (sequence 21)
Language
German
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o o o o Ar. I. Goldschmidt: Nation oder Religion? Aas Judentum am Scheidewege 309 sophie! Maimonides wird vom Throne gestürzt, und die Kabbala wird zum Schutzengel des Judentums gemacht! Alles vernünftige ist eine Gefahr fürs Judentum, alles Unvernünftige, Mystische entspricht dem Genius Israels! Nicht nur der Reform wird der Vorwurf gemacht, „daß kein religiöses Genie aus ihr hervorgegangen" (5. 56), auch über das spanische Judentum wird der Stab gebrochen: „Freilich hat auch das Jüdische Mittelalter kaum ein religiöses Genie hervorgebracht. Gabirol war von der Erhabenheit des Gottesgedankens ganz durchglüht, Iuda-Ha-Levi von der des Judentums in seiner religiösen und nationalen Gestalt, M a i m o n i d e s war von der gleichen Liebe zur Wahrheit — (auch ein Verbrechen!!) — wie zum Judentum erfüllt, und Trescas rc. . . In der ganzen Zeit der politischen Knechtschaft und der kulturellen Unfreiheit hat das Judentum im Grunde kein religiöses Genie hervorgebracht. Rein Genie trotz aller Religiosität!" (S. 56 und 57). Das alles nur, um eine Folie für die Zukunfts -Genialitäten des Kultur-Zionismus zu haben! Den sichern Besitz unserer großen Vergangenheit opfern für die Zukunfts-Seifenblasen des nationalitätstrunkenen Zionismus. Diese Methode des Zionismus, diese Konsequenzen, zu welchen der jüdische Nationalitäts-Traum führt, sollte doch stutzig machen. Diese Methode führt dazu, daß Lessings Nathan in den Staub gezogen und Shakespeares Shylock mit einer Strahlenkrone geschmückt wird. Aber der „starke Lebenswille" des Judentums kommt nicht in Verlegenheit. „Es ist nun interessant zu sehen, wie das Judentum sich in Verlegenheit und Gefahr zu helfen wußte. Zur rechten Zeit war eine Geheimlehre entstanden, die Kabbala, die nach den Tagen des Maimonides immer stärker in den Vordergrund trat" (S. W). Das soll eine „Philosophie der jüdischen Geschichte" sein! Unter solchen Umwertungen aller Werte ist es kein Wunder, wenn Josephs Kritik des liberalen Judentums und seines „Missions-Ideals" die wunderlichsten Formen annimmt. Unfreiwillige Komik ist häufig das Gepräge derselben. Der ewige Schulmeister, der die von ihm zerzausten Gegner, immer mit dem süßlichen: „Uleine lieben Freunde'" apostrophiert, kann sich gar nicht genug wundern, daß seine Weisheit erst auf ihn als auf ihren Propheten gewartet hat. Er hat nämlich die große Entdeckung gemacht, daß Pessach, Wochenfest, Laubhüttenfest, Thanukka und purim eigentlich an Ereignisse aus der Geschichte Israels anknüpfen, und erfüllt von dieser großen Entdeckung schmettert er den „neuern Rabbinen", den Vertretern des „entnationalisierten Judentums" die vernichtende Kritik entgegen: „So seht ihr, daß aus den nreisten Festen das nationale Element nicht ausgeschaltet werden kann", und kann man es ihm verübeln, wenn er fortfährt: „Es ist nur so sonderbar, daß ihr das bisher nicht habt sehen können! Aber freilich, niemand ist so blind, wie der, der nicht sehen will, oder der, dem man eine Binde fest um die Augen gelegt hat" (S. 8). Das Bild schon ist falsch. Wer vollständig blind ist, ist sicherlich mehr blind, als wer bloß eine Binde um die Augen hat. Aber dieser Lapsus ist verzeihlich in der Aufregung über die unbegreifliche Blindheit der „neuern Rabbinen". Daß diese das auch übersehen konnten, daß die geschichtlichen Feste Israels geschichtliche Feste sind! Herr Dr. Joseph hat nur eine Kleinigkeit übersehen: daß nicht bloß eine Nation, sondern auch eine Religionsgemeinschaft ihre „Geschichte" hat. Die

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