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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 13 (1909) · p. Seite 308

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
13 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 308 (sequence 20)
Language
German
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808 Ar. I. Gsldschmidt: Nation oder Religion? Aas Judentum am Scheidewege o o o © zu bringen, was alle Menschen mit einander gemein haben. Israel hat zuerst in der Geschichte unter der brülle der Verschiedenheit den Menschen entdeckt. Während selbst das gebildefte Volk des Altertums, die Griechen, nur das Trennende sahen und in jedem Nichtgriechen den'„Barbaren" orblickten, hat Israel zuerst das Gesetz ausgestellt: „Ihr sollt den Fremden lieben!" Wer das „Ebenbild Gottes" in sich trug, der war für Israel der „Mensch"; daher die Gleichheit aller Menschen, die Einheit der Menschheit. Man kann also, so paradox es klingt, von Israel sagen: sein National- Tharakter ist die Ueberwindung der Nationalität. Das tritt in dem ganzen Verlauf der Geschichte Israels unzweideutig hervor. Der Monotheismus, welcher nur den religiösen Ausdruck für den Monanthropismus bildet, das eine „Urbild" für das in allen Menschen gleiche „Ebenbild", der Monotheismus dringt Zuerst siegreich ein in alle Lebensgebiete Israels, überwindet und sprengt dann die nationale Form, geht durch den Zwang der Umstände unter den Makkabäern wieder auf kurze Zeit die Verbindung mit dem nationalen Leben ein, um dann mit der zweiten Zerstörung Jerusalems für immer von allen nationalen Schranken befreit in Israels Religionsgemeinden in die Erscheinung zu treten. Im alten Israel waren Nationalität 'und Religion im Gleichgewichte, in der Zeit des zweiten Tempels hatte die Religion das Uebergewicht über das Nationale, in der zweiten Diaspora hat die Religion die Freiheit und Unabhängigkeit von allem Nationalen erlangt. Selbst die Hoffnung auf nationale Wiedergeburt, auf das Rommen des Messias, war eine Frucht auf dem Baume der Religion, weil die Religion so vielen Verfolgungen ausgesetzt war, denen, 'wie man dachte, nur der Messias ein Ende machen konnte. Daß die Religionsverfolgungen in der christlichen Welt durch Toleranz aufhören werden, hielt man für weniger möglich, für ein größeres Wunder, als die nationale Erlösung. Die Mission Israels an die Menschheit ist ... die Menschheit. Die Idee der Menschheit ist Israels geschichtliche Tat, das Leben nach dieser Idee und die Verbreitung derselben ist Israels geschichtliche Mission. s)rosel>ftenmacherei, d. h. nur diejenigen als Menschen anerkennen, die sich zu Israel bekennen, wäre der schärfste Gegensatz seiner Mission, das ist „Rirche". Israel ist der lebendige Protest gegen alles Rirchenwesen, das Bekenntnis erzwingt und nicht mit Erkenntnis zufrieden ist; Israel will nur die Erkenntnis verbreiten, daß alle Menschen Brüder sind. Diese Erkenntnis mag sich überall die entsprechenden soziologischen Formen selbst erzeugen. Es kann nicht allen Bäumen eine Rinde wachsen. Darum kann auch Israel keine fremde „Rinde" annehmen.^) — Diese Philosophie der jüdischen Geschichte liegt so klar zu Tage, als nur irgend etwas. Es sind handgreifliche Tatsachen, die uns diese Anschauungsweise aufdrängen, während Josephs Geschichtskonstruktion alle Tatsachen auf den Ropf stellt. Er macht die Propheten zu Vertretern des krassen partikularismus, die Thora zur universalistischen Gegnerin der Propheten, die jüdische Religionsphilosophie, unsere Maimonides, Gabirol, Juda Lsalevi, zu einer Rrankheit des Judentums (S. R9), die kabbalistische Geheimlehre zur Retterin des Judentums aus dieser Rrankheit. „Der zersetzenden Tätigkeit der Vernunft war durch den von der Rabbala beanspruchten autoritativen Tharakter der Boden entzogen" (S. s2^). Dahin führt die nationalistisch-zionistische Geschichtsphilo- 9 vgl. Goldschmidt, Das Wesen des Judentum S. {23 u. ff.

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