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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 13 (1909) · p. Seite 307

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
13 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 307 (sequence 19)
Language
German
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Dr. I. Goldschmidt: Nation oder Mrtigion?> Aas Indrntuw am SchridrwrZr 307 in sich selbst, wenn ein Mensch oder ein Volk „Charakter" hat, so bedeutet das, daß die Stärke seines Lebenswillens beschränkt ist, daß es eine Grenze gibt, über welche hinaus das Leben keinen wert mehr hat. Menschen und Völker, denen das Leben der Güter höchstes ist, die um jeden Preis leben wollen, haben eben darum keinen Charakter, war nun Israel ein solches Volk, das um jeden Preis leben wollte? Cs hat für sein Leben allerdings sehr große Opfer gebracht. Cs hat seine staatliche Selbständigkeit preisgegeben, die Zerstörung seines Rational- Tempels überlebt, es hat sein nationales Heimatland verlassen: Das beweist allerdings, daß es auch leben konnte, ohne — nationale Existenzbedingungen. Gab es aber gar nichts, ohne das es nicht leben konnte, wollte? wofür es sein Leben hingegeben hat? CD, eine Grenze für seinen Lebenswillen hat es immer gegeben: seine Religion. wenn Israels Religion bedroht war, galt ihm das Leben gar nichts. Israel hat ruhig die persische, mazedonische, egyptifche und syrische Fremdherrschaft ertragen, weil es frei nach seinem Religionsgesetze leben durfte. Sobald Antiochus Cpiphanes Israels Religion bedrohte, galt den Frommen ihr Leben nichts mehr. Die Makkabäer kamen zur Herrschaft, weil sie für die Religion Israels gekämpft hatten. Bekannt ist das talmudische Gesetz: es gibt nichts, was in Lebensgefahr in Betracht kommt; bei allen Vorschriften der Thora gilt der Grundsatz: Uebertreten und nicht den Märtyrertod erleiden, nur bei 3 Dingen nicht: bei Götzendienst, Unkeuschheit und Mord, wo es sich aber um Kiääuseü haschem handelt, da gilt schon bei der kleinsten Vorschrift: Märtyrertod und keine Uebertretung! Und das ist nicht bloß theoretisches Gesetz auf dem Papiere geblieben, Hunderttausende von Märtyrern haben es praktisch betätigt. was ist nun der jüdische Rationalcharakter : dasjenige, was Israel für sein Leben zum Gpfer brachte, oder dasjenige, wofür es sein Leben hinopferte? Offenbar das letztere. Den Nationalcharakter dürfen wir also nicht dort suchen, wo das Leben siegt, sondern dort, wo das Leben aus innerem Drange zugrunde geht, wie wir den Charakter des tragischen Helden erkennen an dem, was ihn zermalmt. Diejenigen Triebe der Seele, die sich anpassen können, die sich nicht um jeden Preis durchsetzen, sie haben einen starken Lebenswillen, sie machen Konzessionen, um nur vegeüeren zu können, das aber sind eben nicht diejenigen, die den Charakter ausmachen. — So macht sich der starke Lebenswille Israels geltend auf Kosten der staatlichen Selbständigkeit, des National - Heiligtums, des nationalen Lebens, d. h. also mit anderen Worten: als Nation hatte Israel keinen Charakter, es hatte keinen eigentlichen Ratio n a l - Charakter. Dagegen hatte Israel keinen Lebenswillen mehr, wo es sich um die Religion handelte: also ist die Religion der Grundcharakter Israels. Hat man nuy nicht das Recht, auf Grund dieser die ganze Geschichte Israels beherrschenden Tatsache die These aufzustellen: Israel ist keine Nationalität, sondern eine Religionsgemeinschaft? Der tiefere Sinn dieser Auffassung von der Volksseele Israels ist aber der, daß man sagen kann: Israels Naüonalcharakter ist die Religion. Die Naüonalität eines Volkes macht nämlich dasjenige aus, was seine Ligentümlichkeit ist, wodurch es sich von andern unterscheidet. Alle nationale Kultur ist ihrer Natur nach exklusiv. Israels geschichtlicher Beruf bestand nun aber darin, sich über das Trennende zu erheben und dasjenige in sich zur Geltung

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