Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 13 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 306 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Ar. I. GslLsrhundt:. Ration oder Religion d Nos Indrntnm om Scheidewege ° ° der Krone des Judentums alle glänzenden jDerlen und Edelsteine und wandelt die j)fade einer antisemitischen Wissenschaft. II. Während Josephs Theologie einer fremden Theorie entlehnt ist, hat seine „Geschichtsphilosophie" Elemente, die seine ureigensten Gedanken sind, und diese sollen nunmehr der Kritik unterzogen werden. Db die Definition: „Philosophie der Geschichte eines Volkes kann man den Versuch nennen, den Nationalcharakter eines geschichtlich bedeutsamen Volkes richtig zu erkennen" (S. \\2) nicht auf einer Verwechslung von „Völkerpsychologie" und „Geschichtsphilosoxhie" beruht, bleibe hier dahin gestellt. Uns interessiert nur der Nationalcharakter Israels, der von Joseph „in dem starken Lebenswillen Israels und seiner religiös ethischen Genialität erkannt" wird (5. U5). 3dj behaupte dem gegenüber: ein „starker Lebenswille" ist kein Nationalcharakter, fa er ist das Gegenteil eines Nationalcharakters und eines Lharakters überhaupt. Der Lebenswille ist vor allem nichts Besonderes, nichts, was Israel eigentümlich ist, sondern etwas, was allen Völkern und Lebewesen überhaupt gemeinsam ist. Der Selbsterhaltungstrieb ist vielleicht so weit verbreitet, wie das organische Leben, sicher aber so weit, wie das tierische Leben. Und was ist der „Lebenswille" anderes als der Selbsterhaltungstrieb? Er ist aber auch in den Individuen, die ihn haben, keine besondere psychische Erscheinung, sondern ist identisch mit der Summe der Triebe überhaupt, die in einem Individuum oder einer Gemeinschaft wirksam sind. Jeder Trieb hat den Willen zum Leben. Alan kann also den Lebenswillen nicht als etwas für sich Bestehendes ab- oder zuerkennen. Ganz ebenso verhält es sich mit der Stärke des Lebenswillens: die Summe der Stärke aller Triebe macht die Stärke des Lebenswillens aus. Lebenswille und Stärke des Lebenswillens sind nur Abstraktionen. Charakteristisch ist der Trieb, oder der Komplex von Trieben, der den stärksten Lebenswillen hat. Suchen wir also den Charakter eines Menschen oder einer Nation, so heißt das, wir suchen den Trieb in seinem Seelenleben, der den stärksten Lebenswillen unter allen Trieben hat. Stellt nun Joseph die Frage: Welches ist der Nationalcharakter Israels? so bedeutet das: mit welchem Triebe der Volksseele Israels ist der stärkste Lebenswille verbunden? und seine Antwort enthält nun die große Weisheit: Sein starker Lebenswille ist mit seinem starken Lebenswillen verbunden! Es geht Joseph mit dem Lebenswillen genau so, wie dem berühmten „ontologischen Beweise für das Dasein Gottes" mit der „Existenz". Der ontologische Beweis ist bekanntlich die geniale Entdeckung, daß Gott, als das allerrealste Wesen" auch Existenz haben müsse, da ihm sonst eine Realität fehlte. Er nahm also in der Existenz eine besondere Vollkommenheit, eine Existenz neben dem Existierenden an, er forderte darum für den Begriff des „allervollkommensten Wesens" notwendig die „Existenz". Bekanntlich war es aber Kant, der diesen Irrtum entschleiert, der die große Entdeckung gemacht hat, daß es neben den wirklichen Dingen nicht noch eine besondere „Existenz" gebe, daß JOOO Taler in Wirklichkeit nicht mehr sind, als ^OOO Taler auf dem Papier, nur daß die einen existieren, die anderen nicht existieren. So ist es mit dem Lebenswillen unter den Elementen der Seele: er hat keine besondere Existenz, sondern ist in jedem Seelentriebe enthalten. Der Lebenswille an sich kann also niemals den Grundcharakter eines Menschen oder eines Volkes ausmachen. Einen „starken Lebenstrieb" als „Grundcharakter" hinstellen, ist aber ein Widerspruch