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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 13 (1909) · p. Seite 304

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
13 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 304 (sequence 16)
Language
German
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304 Ar. I. Gsldschwidt: Nation oder Urligion? Aas Judentum am Scheidewege pheten zu Worte und zu Ehren kommt), erklärt Joseph die Propheten als Vertreter des krassen Nationalismus, die Thora als eine xriesterliche Trübung des s)roxhetismus in der Richtung zum Universalismus hin. Bei dieser Ausschließung des Judentums vom Universalismus wird man begreifen, welche gigantische Nötigung des Gewissens bei Herrn Rabbiner Dr. Joseph vorliegen mußte, um ihn dahin zu bringen, diese Theorie der Geffentlichkeit zu übergeben. Um Josephs Standpunkt in Kürze klar zu machen, sei folgendes vorausgeschickt. Ueber das Verhältnis zwischen dem Volke Israel und der biblischen Religion gibt es drei Theorien: \. die Dffenbarungslehre, 2. die Graf-Wellhausen'sche Evolutions- Theorie, 3. die neuere Theorie des jDanbabilonismus oder jDanorientalismus. Nach der Offenbarungs-Theorie besteht kein Kausal-Nexus zwischen Israel und seinem Monotheismus: weder hat Israel die biblische Religion, noch diese jenes geschaffen, sondern Gott steht zwischen beiden, ähnlich wie etwa in der Geulincx'schen Philosophie Gott zwischen „Denken" und „Ausdehnung" steht. Nach der Graf-Wellhausen'schen Evolutionstheorie ist Israel der kulturgeschichtliche Schöpfer seiner Religion, und zwar nach dem Rkuster der arabischen Beduinen - worden, in der Art, daß die Religion Israels alle soziologischen Stadien der Horden-, der Stammes-, der Bauern-, der National- und der Gesetzes-Religion durchlaufen habe. Sie fing an mit den Horden-Göttinnen Leah und Mirjam, wurde durch Moses zur Verehrung des kenitischen Gewittergottes IHW, in welchem sich die gar nicht stammverwandten Stämme Joseph, Juda, Kaleb, Kajin, Leah, Mirjam und die arabischen Ebräer zu einem Stamm vereinigten. — Aus diesem Stamm-Gott entwickelte sich nach Eroberung Kanaans der Nationalgott „Jahve der Gott Israels", dem „Israel das Volk Jahves" entspricht. Nach einem Anlauf der Propheten zum Universalismus, entwickelt sich nach dem babilonischen Exile, unter dem Einfluß Esrah's die „Gesetzes-Religion", während das spätere Lhristentum die direkte Nachfolge des prophetischen Universalismus übernimmt. Nach dieser Evolutionstheorie beginnt Israels Religion auf der untersten Stufe der Kultur, und auch das spätere Judentum, von dem das (Lhristentum ausgeschieden, ist noch größenteils Beduinentum. IHW nimmt als Flamme die Opfer buchstäblich in sich auf: levitische Unreinheit ist dämonische Besessenheit. Die Schutzgesetze für Fremdlinge, Waisen und Witwen waren nötig wegen der beduinenhaften Härte und Habgier Israels. Verbot des Bluts beruht auf der Scheu, einen fremden Dämon zu inkorporieren 2c.1) Nach dieser Theorie ist das Judentum eine Schöpfung Israels. — Nach dem jDanbabilonismus oder j)anorientalismus ist die Religion Israels nur ein Ausschnitt aus dem religiösen Leben des alten Orients, in welch letzterem die Tendenz zum Monotheismus vorhanden war und von führenden Geistern, zu welchen auch die Propheten Israels gehörten, ins Leben eingeführt und verbreitet wurde. wenn nun Joseph die These aufstellt: Israels Religion ist eine Schöpfung des nationalen Lebenswillens, so stellt er sich damit für den Zionismus auf den Standpunkt der Graf-Wellhausen'fchen Evolutionsa) Vgl. die sehr gut orientierende Arbeit von Dr. Iampel: „Die bibelwissenschaftliche Litteratur der letzten Jahre" in der Brann'schen Monatschrift \907, Heft u. \2 und J(908 Heft \—4.

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