Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1909-01-01 · 13 (1909) · p. Seite 301

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
13 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 301 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126482-3126496--0320-3127094
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

o o o o Ar. Katzrnstein: Ist dir libtxüis Vereinigung ans dem richtigen Wege? 301 Wie eigentümlich mutet es alledem gegenüber an, wenn Dr. Laqueur das Klagelied vom moralischen Niedergang der jetzigen Generation, der wachsenden Macht der Phrase und anderem mehr anstimmt, ein Lied, das noch in jeder Generation von den Alten, oder vielmehr von den Altgesinnten, die ihre Zeit nicht verstanden, gesungen worden ist. Mir erscheint ein solcher moralischer Pessimismus auch mit dem gerade vom Judentum vertretenen Glauben an die guten und sittlichen Kräfte im Menschen schlecht vereinbar. Und in diesem Zusammenhang ist wohl auch der Hinweis von Interesse, daß ein Mann von der Bedeutung eines David Friedrich Strauß in seinen späteren Werken mit aller Schärfe den Standpunkt verfochten hat, daß die theistischen, dualistischen Vorstellungen des Christentums zu der ethisch-religiösen Immanenzlehre des deutschen Idealismus in schroffem Gegensatz ständen. — Ich will der lockenden Versuchung widerstehen, näher auszuführen, wie oft gerade unter dem Schatten der Kirchen und Tempel von jeher Egoismus und Materialismus im schlechten Sinne, Strebertum und Unduldsamkeit sich breit gemacht haben. So gewiß es ist, daß die Religion manchem Gemüt Frieden und Halt gewährt, so muß auch andererseits mit Entschiedenheit die Anschauung zurückgewiesen hverden, als ob nur der Glaube an einen persönlichen Gott, nur das Bekenntnis zu einer der bestehenden Religionen dem Leben Wert und Inhalt geben und die sittlichen Kräfte des Menschen wecken und (fördern könne. Um jedem Mißverständnis zu begegnen, will ich hier noch anmerken, daß ich weit davon entfernt bin, den Monismus als gesichertes Ergebnis der Wissenschaft hinstellen zu wollen. Wenn manche Monisten in diesen Fehler verfallen, so zeugt dies gewiß von einem Mangel an naturwissenschaftlich-kritischer Denkweise. Aber nur der sollte das Recht haben, dies geltend zu machen, der wirklich vom Standpunkt der Naturwissenschaften oder der kritischen Philosophie aus, einen Fehler im Fundament des monistischen Weltgebäudes nachzuweisen sich bemüht. Wer aber den Kampf nur vom Standpunkt der Religion aus führt, der kämpft nicht mit tauglichen Waffen. Seine Argumente müssen fehlgehen, weil der absolute Wille zum Glauben, aus dem sie hervorgehen, ihnen in der Sphäre des wissenschaftlichen Denkens die Beweiskraft entzieht. — warum ich das alles an dieser Stelle vorbringe? Zunächst, galt es einem Dankesgefühl Ausdruck zu geben gegenüber der Ideenwelt, die zahlreichen Menschen eine Fülle von geistigen Anregungen gegeben hat und die uns, besonders durch die werke ihrer hervorragendsten Vertreter, so manchen Moment des Glücksempfindens und der Erhebung eingebracht hat. Sodann aber — und vor allem — bin ich der Ueberzeugung, daß eine liberale Bewegung, die dem ehrlichen Ringen um Erkenntnis fremd und feindselig gegenübersteht, sich selbst verneint, und jedenfalls eine große Anzahl wertvoller Hülfskräfte von sich abstößt. Sicherlich gibt es unter den liberalen Juden eine große Anzahl, denen die Religion Bedürfnis des Herzens wie des Verstandes ist. Aber ebenso gewiß ist, daß die Bezeichnung als Jude (oder Christ) heutzutage nicht das Bekenntnis zu einem bestimmten Glauben garantiert. Tatsächlich ist für sehr viele unserer Zeitgenossen die Religionsbezeichnung zu einem historisch-politischen, allenfalls auch sozialem Begriff geworden. Aber auch unter denen, die sich nur ihrer Abstammung wegen Juden nennen, gibt es doch zahlreiche, die für den Kampf um geistige Befreiung in jeder Form, auch soweit er sich innerhalb der Synagoge abspielt, das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.