Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 13 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 300 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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800 Ar. Kützrnstrin: Ist dir lidrrslr Vereinigung auf dem richtigen Wege? einem lebendigen Schöpfer als reinem Subjekt und der Materie als reinem Gbjekt nicht kennt.*) Nur in dieser negativen Weise laßt sich eigentlich >das Wesen des Materialismus oder des Monismus allgemein giltig definieren. Nach der positiven Seite bestehen unter denen, die sich zu einem monistischen Weltbilde bekennen, die weitgreifendsten Unterschiede. Da gibt es solche, die in der Welt nichts weiter als ein mechanisches Getriebe ohne Zweck und Ziel erblicken, und Pantheisten im Sinne eines Spinoza, eines Goethe und so vieler anderer erleuchteter Geister. Aber auch die radikalsten Materialisten denken mit verschwindenden Ausnahmen nicht daran, die Moral, die Gthik aus der Welt zu verbannen, sie suchen sie Nur anders zu begründen. Denn Streben, Aufopferung, Liebe, Hjafj sind doch nun einmal 'vorhanden, ebenso wirklich wie Anziehung und Abstoßung, wie der Lauf der Gestirne Nnd der Wechsel der Jahreszeiten. Und jeder, der sich mit den Gesetzen der ^Natur beschäftigt, muß auch die Erscheinungen des ^Seelenlebens in den Ureis seiner Betrachtungen hineinziehen. Es macht für die Ethik als solche keinen Unterschied, ob ich an Ideale glaube, die außerhalb der Erscheinungswelt!von Urbeginn an vorhanden sind und unwandelbar den Menschen ihr Tun,!und Lassen vorschreiben, oder ob ich annehme, daß das Gute, Wahre und Schöne nur einen Ausdruck, ein Merkmal der Harmonie des Alls bilden. Ethik ist für den Materialismus Meltb e j a h u n g, Sittenlosigkeit Störung der überall webenden *) Anm. d. Red.: Den „dualistischen Theismus" hat bereits die mittelalterliche Religionsxhilosophie eines Sefer Jezira, Jehuda Halevi, Maimonides ic. überwunden, was sogar Spinoza (Ethik, Anm. z. 7. Lehrsatz des 2. Th.) ausdrücklich anerkennt. Vgl. Seligmann, Judentum und moderne Weltanschauung S. 36 f. und wirkenden Kräfte. Wenn nun schon gegen die ganze Art, in der Dr. Laqueur den theoretischen Materialismus bespricht, Einspruch zu erheben ist, so wirkt sein Versuch, den Materialismus als wissenschaftliche Anschauung mit dem sogenannten ethischen Materialismus zu identisizieren, noch viel peinlicher. Dr. Laqueur, der wohl sicherlich „die Geschichte des Materialismus" von Friedrich Albert Lange kennt, sollte doch wissen, daß von jeher ein enger Zusammenhang besteht zwischen den 'Fortschritten in der Naturkenntnis und der Denkweise des Materialismus, und daß wissenschaftlicher Materialismus und .Moralischer Tiefstand geschichtlich nichts miteinander gemein haben. Es ist durchaus kein Widerspruch, sondern vielmehr gerade eine Bestätigung der hier vertretenen Anschauung, daß die Vertreter des Monismus so oft höchst edelgesinnte, sittlich hochstehende Naturen waren. Und jedenfalls ist es dem vorherrschen der Naturwissenschaften oder der materialistischen Anschauungsweise mit zuzuschreiben, daß in unserm Zeitalter die Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens so intensiv zum Gegenstand! der Betrachtung und Forschung gemacht werden, wie niemals in früheren Jahrhunderten.Die gewaltigen sozialen Umwälzungen seit der großen französischen Revolution, die großartigen Fortschritte auf Idem Gebiete der Hygiene, das Bewußtsein 'von der persönlichen Würde und Gleichwertigkeit jedes Menschenlebens, sowie die Hieran sich knüpfenden Forderungen, ja -selbst das überall ringsum sich bemerkbar machende 'Ringen und Streben auf dem Gebiet der Kunst und Literatur — alle l diese Erscheinungen sind nur diesem Boden entsprossen. Ist nicht die Solidarität und Gxferwilligkeit innerhalb der unreligiösen sozialdemokratischen Arbeiterschaft in ihrer Art bewunderswert?