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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 13 (1909) · p. Seite 298

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
13 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
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298 Ir. Kcchrnstrin: Ist die liberale Uerrinigung auf dem richtigen Wege? aufgabe des liberalen Judentums in der Bekämpfung des Materialismus, er will denen, die auf Grund ihrer wissenschaftlichen oder philosophischen Anschauungen dem religiösen Inhalt des Judentums entfremdet sind, „ihren Gott wiedergeben". Er zieht gegen den Monismus mit einem Eifer zu Felde, der dem Anhänger einer streng kirchlichen Richtung alle Ehre machen würde. Stände Herr Dr. Laqueur mit seinen Ansichten allein da, so könnte man ihn wohl auf eine Stufe stellen mit allen denen, die aus einer einseitigen religiösen, oder sagen wir „kirchlichen" Betrachtungsweise heraus dem Streben nach voraussetzungsloser philosophischer Durchdringung des Alls mißtrauisch oder feindselig gegenüberstehen. Man könnte sich über seine Angriffe hinwegsetzen in der Ueberzeugung, daß sie, wenn sie selbst jede Einzelheit der gegnerischen Anschauungen widerlegen könnten, doch im Ganzen, im Wesentlichen unrecht hätten. — Denn auch der Irrtum des ehrlich um Erkenntnis ringenden ist von höherem sittlichen und kulturellen Wert als die Selbstgerechtigkeit dessen, der die Wahrheit zu besitzen glaubt, wie einen von ihm eingezäunten Garten. — beider aber steht der Verfasser jenes Aufsatzes mit seinen Ansichten durchaus nicht allein da, vielmehr dürfte gerade umgekehrt, wie mancherlei Vorgänge bei der Begründung der liberalen Vereinigung bewiesen haben, in manchen Areisen die Meinung Vorherrschen, daß der eigentliche Feind nicht „rechts" sondern „links" stehe. In dieser Auffassung erblicke ich einen für die Zukunft des liberalen Judentums geradezu verhängnisvollen Irrtum, und es ist meines Erachtens an der Zeit, daß endlich einmal klar und unzweideutig hierauf hingewiesen wird. — Als zuerst eine kleine Gruppe von Männern die Anregung zur Gründung eines liberalen jüdischen Vereins ergehen ließ, da hat gewiß mancher freidenkende Jude gleich dem Verfasser dieses Aufsatzes die Idee mit Freuden begrüßt. "Glaubten wir doch, daß der Verein nur den Zweck verfolge, alle diejenigen zusammenzuschließen, die in der Orthodoxie den natürlichen Feind erblicken, denen es Bedürfnis des Verstandes und des Herzens ist, das Gebäude des Judentums so auszugestalten, daß es auch für den vorbehaltlos als Westeuropäer des zwanzigsten Jahrhunderts sich fühlenden Juden wohnlich ist. Denn auch solche Juden, die für sich selbst längst alle rituellen Vorschriften abgestreift haben, empfinden es manchmal mit einem gewissen Unbehagen, daß sie vom Standpunkt des offiziellen Judentums, ja auch in den Augen vieler sonst ganz aufgeklärten christlichen Mitbürger als Gesetzesübertreter dastehen, und wenn sie schließlich auch darüber noch hinwegkommen können, so kennen sie doch die Notlage aller derjenigen, die trotz ihrer durchaus modernen und freiheitlichen Anschauungen durch gewisse Vorstellungen von Pflicht und Rücksicht oder gar durch direkten Zwang seitens ihrer Umgebung zur Befolgung der von ihnen innerlich verworfenen rituellen Vorschriften gezwungen sind. Hier hätte eine von echt liberalem Geist getragene Bewegung einsetzen müssen, ihr Programm mußte sein: „Bekämpfung der Unduldsamkeit und des Gewissenszwangs, Aufklärung des wirklichen öden und unfruchtbaren Indifferentismus!". — Wie kam es nun statt dessen? Die Antwort gibt einmal die in der konstituierenden Versammlung am 3. Mai $08 gefaßte Resolution, die, anstatt die unversöhnliche Gegnerschaft und Gefährlichkeit der Orthodoxie gebührend zu betonen, es für nötig erachtet, aus eignem freien Antriebe der Orthodoxie zu bestätigen, daß sie

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