Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 13 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Kahrnstrin: Ist die liberale Vereinigung auf dem richtigen Wege? 297 nicht finden. Moral ruht schlechterdings auf Religion, und da sie mit der bunten Religion die reine weggeworfen haben, so werden sie Lumpenhunde, lassen sich in den Wirbel der Hetzjagd reißen, die jetzt los ist, der Hetzjagd nach dem Glück, das keines ist. Ihnen sagt niemand, zeigt niemand, einfach aus dem innern Wesen der Seele und aus dem Verhältnis der Einzelseele zur Seele der Menschheit, daß und warum es keinem Menschen wohl wird, außer im Guten. Sagt man es ihnen je, so hängt man doch den Märchenkram wieder daran, den sie nicht mehr ertragen, und so laufen sie weg." Viel Treffliches ist hier gesagt, doch eins kann und darf nicht richtig sein — wenigstens nicht in Betreff der jüdischen Religion: es muß möglich sein, die Masse zu erziehen zur reinen Religion; unsere Priester dürfen nicht lehren, was sie nicht glauben, und dürfen nicht glauben, was der Vernunft und der Wissenschaft widerspricht. Frei machen muß sich die Religion vom Ueberlebten, das zwar historisch und psychologisch zu erklären ist, dem modernen Denken aber widerspricht. Dies ist die erste und wichtigste Voraussetzung für die Erfüllbarkeit unserer Mission. Und glücklicherweise ist ja gerade in letzter Zeit mehrfach der Versuch gemacht worden, zu zeigen, daß gerade die jüdische Religion am ehesten geeignet ist, mit der modernen Weltanschauung zu harmonieren; und daß man hierzu nicht gewaltsamer, apologetischer Tricks bedurfte, ist das beste Zeichen für diese Versuche. Ist nun zur Erfüllung unserer Mission neben der liberalen auch eine staatliche Grundlage notwendig? Nein und abermals nein! Im Gegenteil! Die staatliche Einigung stellt die größte Gefahr für unsere Mission dar; politische und wirtschaftliche Interessen würden die ethischen vollkommen in den Hintergrund drängen. Nicht ein Volk von Priestern, Priester unter den Völkern zu sein ist unser Erziehungsideal — Priester in dem Sinne von Diener der Sittlichkeit. Gegenüber der Behauptung aber, daß ein gequältes Volk nicht fähig sei. Großes zu vollbringen, daß nur auf dem Boden vollkommner Freiheit herrliche Gebäude errichtet werden könnten, erinnere ich nur an die Großtaten des jüdischen Volkes und vor allem an die tiefen Worte des großen Dulders Friedrich Nietzsche: „Die Zucht des Leidens, des großen Leidens — wißt ihr nicht, daß nur diese Zucht alle Erhöhungen des Menschen geschaffen hat! Es bestimmt beinahe die Rangordnung, wie tief einer leiden kann." Auch von den Verfolgungen können wir — glaube ich — mit dem jüdischen Weisen sagen: „gam su l’towo" „auch das ist zum Guten". Die Juden haben eine Mission, wiederhole ich, eine wertvolle und notwendige, eine erfüllbare und begeisternde, füge ich jetzt hinzu. Deswegen vor allem ist es ein Verbrechen, sich aus Indifferentismus vom Judentum abzuwenden; denn jede Abwendung vom Judentum ist Abwendung vom Glauben an den Wert und die verpflichtende Rraft der Sittlichkeit. Iff die liberale Vereinigung auf dem richtigen Wege? Von Dr. Kahenttem-bielefelä. inert Dank gilt es abzustatten. Einen Irrtum gilt es zu bekämpfen. Den unmittelbaren Anlaß zu den nachstehenden Ausführungen gibt der in Heft 8 dieser Zeitschrift erschienene Aufsatz des Herrn Dr. Laqueur, überschrieben: „Was bedeutet das liberale Judentum für unsere Zeit?" Herr Dr. Laqueur sieht die Haupt-