Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 13 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Caro: Zur Mission drr Juden 295 Ethiker waren sie, Ethiker waren auch die meisten „kleinen Großen", deren Namen die jüdische Geschichte uns berichtet, keineswegs will ich die außerordentliche Bedeutung jüdischer Künstler: eines Lsalevy, eines Heine, eines Liebermann leugnen. Doch legen diese Namen nur beredtes Zeugnis für die völlige Grundlosigkeit der Behauptung ab, daß die Juden in künstlerischer Beziehung unproduktiv sind. Daß die Mission des jüdischen Volkes künstlerischer Natur ist, beweisen sie ebensowenig, wie die Taten Shakespeares und Gainsboroughs dies für das englische Volk dartun. Der große weltgeschichtliche Kulturwert, den die Juden geschaffen haben, ist und bleibt die universalistische Religion und die in ihr wurzelnde oder ihr zugrunde liegende Ethik. Auch die jüdische Wissenschaft ist im wesentlichen ethischer Art, sie ist Moralwissenschaft. Das Studium von Bibel und Talmud bilden die Grundlage fast aller jüdischen Denkarbeit soweit diese von wahrhaft großer Bedeutung ist. Männer wie Hillel und Rabbi Akiba, Rabbi Meir und Iehuda Ha-Nassi, Iehuda Halevi und Maimonides, Raschi und Moses Mendelssohn bilden „Marksteine in der Entwicklungsgeschichte des Judentums". Sie alle sind aber in erster Linie Ethiker und wollten es sein. Doch ist nicht das jüdische Volk mit der Emanzipation in ein neues Stadium seiner Entwickelung eingetreten? Gewiß! Aber plötzliche äußere Einwirkungen können nicht die wesentlichen Eigentümlichkeiten einer geschichtlichen Gesamtheit vernichten, wenn daher die Juden in den letzten Jahrzehnten viel Tüchtiges, ja Bedeutendes in Kunst und Wissenschaft geleistet haben, auf ethischem und religiösem Gebiet aber verhältnismäßig wenig, so beweist dies nicht allzuviel. Denn wir befinden uns in einer Uebergangszeit, mächtige neue Einflüsse sind von allen Seiten auf uns eingestürmt, wir konnten und durften nicht widerstehen und haben uns auf fast allen Gebieten versucht. Wohl mit Erfolg! Unsere Fähigkeiten mögen also in der Tat sehr verschiedenartig sein. Doch wo unser eigenstes Arbeitsfeld liegt, das können uns nur die Zeiten ruhiger Entwicklung lehren, und diese scheinen mir eindeutig zu zeigen, daß die Juden in ihrer dreijahrtausendelangen Entwicklung treu geblieben sind dem Ideal, das sie bereits damals als das höchste erkannt hatten: ein Volk von Priestern zu sein! Aus dem wieder und wieder bewiesenen starken ethischen Können und intensiven wollen resultiert für uns das ethische Sollen, die ethische Mission. Ist so die ethisierende Kulturtätigkeit in den Mittelpunkt all unseres Schaffens gerückt, so gewinnen zwei Fragen für uns Juden eine ganz außerordentliche Bedeutung. von der Art ihrer Beantwortung hängt es ab, ob wir eine historische Existenzberechtigung als „Sondermasse" haben und welches unsere Stellung zu der staatlich geeinten Nation sein muß. Die Fragen lauten: Ist unsere Mission noch heute erfüllbar? Und wie ist sie erfüllbar? Ist unsere Mission noch heute erfüllbar? Ist dies ethische Ideal nicht veraltet? Die „Gebildeten" und Ungebildeten, die Alten und besonders die Jungen, sie wissen es ja: der alte Gott ist gestorben; was uns regiert, ist Notwendigkeit, ist das eherne Kausalgesetz! Wohl gibt es ein Muß, doch niemals ein Soll! Wohl ein Naturgesetz, doch niemals ein Sittengesetz! — Man könnte über den philosophischen Dilettantismus, der sich in dieser Primanerweisheit spreizt, lächeln, wenn es nicht so traurig wäre, hundert Jahre ist es her, daß Kant (in der Vorrede zur zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft) die Worte schrieb: „Ich mußte aber das „wissen" aufheben, um zum Glauben Platz