Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 13 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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294 Fritz Cars: Zur Mission der Juden O o ketten dieses Volkes, wird dann das Resultat durch völkerpsychologische Untersuchungen unterstützt, so dürsen wir ihm gewiß vertrauen. Zur Veranschaulichung des Gesagten mögen einige Beispiele dienen. Unzweifelhaft erscheint, daß das alte Griechenland ein Gebiet ästhetischer bsochkultur ist. Selbst die griechische Philosophie legt deutliches Zeugnis für die eminent ästhetische Begabung dieses Volkes ab; ich erinnere an Plato, der — selbst ursprünglich Künstler — philosophische Gedankengebäude errichtet hat, die mit Recht als vollendete unsichtbare Kunstwerke der Architektur bezeichnet werden dürfen. Im schroffsten Gegensatz hierzu steht England, die Engländer sind vor allem als Vertreter des Intellektualismus zu betrachten: deutlich weisen darauf hin ihre naturwissenschaftlichen (— Bacon, Newton, Faraday —), erkenntnistheoretischen (— Bacon, Hobbes, Locke, Hume —) und selbst ihre politischen Leistungen. Zweierlei darf aber nicht verkannt werden. Einmal gibt es Völker, bei denen hervorragende Fähigkeiten so mannigfacher Art nachweisbar sind, daß ihre Rtission als allgemein kulturelle zu betrachten ist. Gb dies ein Vorzug ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls scheint mir das deutsche Volk in diese Klasse zu gehören. Oft ist auf die nahe Verwandtschaft hingewiesen worden, die zwischen dem deutschen Geist und dem englischen besteht; doch läßt sich nicht verkennen, daß eine fast noch größere Aehnlichkeit zwischen dem deutschen und griechischen Wesen existiert, worauf in letzter Zeit namentlich Ulrich von Wilamowitz - Rköllendorff mit Recht aufmerksam gemacht hat. Lin weit eigentümlicheres Phänomen stellt das römisch-italienische Volk dar. Die Geschichte dieses Volkes lehrt, daß in den in Frage kommenden Beziehungen ein vollkommener Wandel eintreten kann. Die Kunst des alten Rom muß trotz mannigfachen Widerspruchs als eine typische Epigonenkunst bezeichnet werden, ihrer Philosophie mangelt die wahrhaft künstlerische Form vollkommen. Groß ist die Schärfe ihres Denkens: dies zeigt uns die politische und namentlich die Rechtsgeschichte Altroms. Und nun der Wandel. Ich brauche nur an die Renaissancekunst und die Philosophie eines Giordano Bruno, dieses Dichterphilosophen x°rc' ifrxrfv zu erinnern, um den grellen Gegensatz, zwischen dem 2. und \6. Jahrhundert zu beleuchten. Diese ganz oberflächlichen Andeutungen mögen genügen, um jene drei — gewiß, nicht ganz scharf zu trennenden — Völkertypen zu charakterisieren: die eindeutigen (vgl. Griechen, Engländer), vieldeutigen (vgl. Deutsche) und wechseldeutigen (vgl. Italiener). Zu welchem Typus gehört das jüdische Volk oder gehört es zu gar keinem? Auf welchem Felde liegen seine Fähigkeiten? wer mit kritischem Blick die Annalen der jüdischen Geschichte durchblättert, wird nicht zweifeln: das jüdische Volk ist unter den „eindeutigen" Typus zu subsummieren,, seine wesentlichen Fähigkeiten sind ethischer, religionsproduktiver Natur. Wenn ich auf die jetzt so häufig gestellte Frage „nach den größten Rkännern" antworten soll, die das jüdische Volk hervorgebracht, ohne Bedenken würde ich die Namen dreier Rkänner nennen,, die alle der Geburt, dem Charakter undden Fähigkeiten nach Juden waren, Rloses,. Jesus und Spinoza. Daß sie das tragische Schicksal zum Teil in geschichtlichen Gegensatz zum Judentum gebracht hat, kommt hier nicht inbetracht. Und welch bedeutsames Zeichen ist es, daß diese drei ihren. Lebenszweck darin sahen, ethische werte zu schaffen, daß sie ethische Werte schufen (denn es ist kein Zufall, daß Spinozas Lebenswerk' „Ethik" heißt, trotz seines zum großen Teil, physikalischen und metaphysischen Inhalts)..