Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 13 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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292 Gedicht: Uersichnungstag Versöhnungstag. ^ei* heilige Tag gekommen, Aus grauem Dämmer steigt er leuchtend auf, So weltenfern, so himmelsfriedenvoll. Welch fremdes Angesicht trägt heut' die Welt! Der Lärm des Werktags schlägt an unser Mhr, Wir achtens kaum. Die Rinder spielen Laut lärmend wie an jedem andern Tag Und lassen jubelnd bunte Drachen steigen. Die letzten Rosen sterben in den Gärten, Und Sonnenfäden ziehen durch die Luft, wir achtens kaum. Wir schreiten still dahin Bis uns das heilige Gotteshaus empfängt. Dort ist heut' uns're Hminat, uns're Welt, Dort findet das verftürmte Herz den Frieden, Den wunderbaren, stillen Himmelsfrieden, Nach dem es in der Welt vergebens bangt. Und aller Schmerz und alle Erdennot Und alle <Uual und alle bange j)ein Und jedes weh, das uns're Seele quält, Sie wandeln sich zum gläubigen Gebet. Und das Gebet aus tausend bangen Herzen Es flutet all' in einen Strom zusammen In eine uralt-heilige Melodie, So schwermutvoll und doch so traut, so weich. „Kol nidre" tönt's, und mit dem alten Rlang Erwacht in uns die alte Rinderzeit, Erwachen alte, halbverklung'ne Sagen Und grüßen uns mit leisem Flügelschlag. wie banges Raunen geht's durch's Gotteshaus. Die toten Seelen kehren heut' zurück. Ich sehe sie in endlos-langen Reih'n wie graue Schatten zu uns niederschweben. Schwebt nur herab und grüßt uns einmal noch, Daß uns're Seelen stille Zwiesxrach halten, wie einst in glückesfrohen, fernen Tagen! wir denken Euer, wir vergaßen nicht!