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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 13 (1909) · p. Seite 291

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
13 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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Zum Neujahrsfeste 291 So haben sie die Religion um ihr Ansehen gebracht, weil sie sich krampfhaft klammerten an alles, was in erleuchteten Köpfen und lebendigen Kerzen seine Geltung verloren hatte. Darum liegt die Religion wie eine tote Last auf den Köpfen und Kerzen, darum flüstern die Linen voll Wehmut, jubeln die Andern voll Schadenfreude: die Religion ist tot. Aber nicht die Religion ist tot, sondern ihr Afterbild, wahre Religion kann nicht untergehen. Solange Menschenherz — Menschenherz bleibt, solange die Men'schenseele nach einem Anschluß bangt in der Welteinsamkeit, Solange die Sehnsucht nach einem Sinn und wert des Menschendaseins heiß verzehrend in uns brennt, Solange um Geburt und Grab die ewige Frage geht: „wozu?", solange wir staunend und voll fragender Bewunderung stehen vor dem unerklärlichen Reichtum heiliger Gefühle, beseligender Hoffnungen in unserer Seele, Solange vor unserem Geiste ein Bild steht, dessen, was wir werden sollen, ein Bild von unerreichter Vollkommenheit — so lange wird die Religion leben und und Zukunft haben. Ihr Forscher der Wahrheit, große Bahnbrecher der Menschheit, forschet nur und fraget! Reißet jeden Schleier vom Angesichte der Natur und zeiget uns einen neuen bsimmel und eine neue Lrde! Geffnet uns den Blick in unendliche Fernen und führet uns den Entwicklungsgang von der Krzelle bis zum Rebermenschen niebefahrener Zukunft — wahre Religion wird euere Wahrheit nicht mit ihrem Argwohn ersticken. Und wenn das alte Weltbild, in das die Religion künstlich hineingestellt wurde, in Trümmer geht, so nehmen wir die Religion getrost und zuversichtlich aus dem alten Rahmen heraus und bauen sie in das neue Weltbild hinein. Fordert nur, ihre großen sittlichen Förderer und Förderer der Menschheit: Wir wollens euch danken, wenn ihr uns erlöset von dem sittlichen Notstand der Gegenwart. Mit euch zusammen, ihr Forscher und Förderer, will die Religion der Zukunft des Weges ziehen. Das wird keine Religion sein, die gegen die Wissenschaft eifert und das lebende Geschlecht mit toten Lasten beschwert, sondern eine Religion voll wahrheitsmut und sittlicher Kraft, voll Liebe und Gerechtigkeit. Line Religion, die sich verbündet mit allem Großen und Schönen, die jedes neue Licht mit Morgenpsalmen begrüßt, eine Religion, fruchtbar und segensreich, frisch und lebendig, voll Wahrheit in ihrer Lehre, voll Schönheit in ihren Werken, voll Liebe in ihren Worten und Taten. wie Morgenwind weht es aus dämmernder Zukunft; noch liegen die Täler im Dunkel, aber auf den Höhen leuchtets vom kommenden Tage. Sie wird kommen die Religion der Zukunft, die uns die Zukunft der Religion verbürgt.

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