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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. Seite 287

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
12 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 287 (sequence 23)
Language
German
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o o o o Süchrrscharr 287 Fast HOO Jahre sind seitdem vergangen. Mit Bewunderung blickt der Protestantismus, auch der liberale, auf die Riesengestalt Luthers, aber seinen Dogmenglauben teilt er nicht mehr. Der Protestantismus unserer Tage müßte zu Luther sprechen, wie die Juden es getan: „An Dreieinigkeit und Mpfertod im wörtlichen Sinne vermögen wir nicht zu glauben." wie Luther den Juden recht gegeben, daß sie nicht dem Katholizismus gefolgt, so muß der heutige Protestantismus den Juden recht geben, daß sie nicht Luther gefolgt: „Blickt man aber auf die Gestalt des Luthertums, wie es sich seit der 2. Hälfte des *6. Jahrhunderts nicht ohne Schuld Luthers vielfach ausgebildet hat, so muß man sagen, daß es nur Worte sind, die sie vom Katholizismus trennen, während die Wirklichkeit sie verbindet; denn Katholizismus ist nicht der Papst und nicht die Heiligen-Verehrung oder die Messe, sondern die Lehre vom Sakrament, von der Buße, vom Glauben und den Glaubensautoritäten." 9) Zum Schiedsrichter wird der liberale Protestantismus für den Kampf Luthers gegen den ewigen Juden und er entscheidet: Der ewige Jude hat recht gehabt! So hat der ewige Jude recht gehabt, Jahrtausende hindurch, bis auf den heutigen Tag; war ein ewiger Jude: aber nicht verblendet und fluchbeladen, sondern immer Träger des reineren Gottesglaubens. Also zeugt für ihn die religiöse Entwicklung der einstigen Heidenwelt, die langsam hinauf¬ 9) Harnack: Dogmengeschichte. wächst zur dogmenlosen Höhe des Judentums zum Bekenntnis des einig-einzigen Gottes, der ganz allein im Mittelpunkt der Religion stehen soll, dem ganz allein alle Gebete und Feste, alle Bräuche und Verehrung gelten sollen. Doch spricht nicht wieder der liberale Protestantismus zum ewigen Juden: Nun ist endlich die Zeit gekommen! Die Dogmen haben wir fallen gelassen, warum willst du noch jetzt deinen weg wandern? Aber der ewige Jude antwortet mit dem Wort eines Gegners: „Es ist offenbar, daß es in der christlichen Gemeinschaft keinen frommen Moment gibt, in welchem nicht auch Beziehung auf Thristum mitgesetzt ift."10) Das ist der Unterschied und darum muß ich weiter wandern: Im Mittelpunkt des Thristentums steht Gott und ein Mensch; einem Menschen gelten alle Feste und Bräuche. Im Mittelpunkt des Judentums steht Gott allein, Gott gelten alle Feste und Bräuche. Noch ist die Zeit nicht gekommen, die die Propheten verkündet, noch muß ich weiter wandern. Will niemand stören, niemand bekehren, nur weiter tragen, was die Väter mir übergeben: Der Menschheit Höchstesund reinstes, religiöses Gut, den Gottesglauben, den Menschheitsglauben der alten Propheten. Nach tausend Jahren mag man mich wieder fragen, bis einst die Zeit gekommen, von der ich täglich bete: „Dann wird Gott der König der ganzen Erde fein, an diesem Tage ist der Ewige einzig und sein Name einzig."X1) u) Secharja *H., 9- 10) Schleiermacher: Der christliche Glaube. Vüäiersäiau. „Gwige Weisheit". Spruchpoesie des Tatmud und der rabbinischen Literatur nebst Fabeln, Parabeln und Sagen derselben, übersetzt von Mar Weinberg. Halle a. S. Verlag von (Otto Hendel; No. 2096 —2099 der Bibliothek der Gesamtliteratur des In- und Auslandes. 80. 56 u. XII S. Geh. \ M. Geb. *,35 M. Herder war es, der zum erstenmale die Hagada des Talmud und der talmudischen

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