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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. Seite 288

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
12 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 288 (sequence 24)
Language
German
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288 Küchrrscharr o o o o Literatur in die deutsche Literatur einführte und ihr einen Ehrenplatz in derselben sicherte. Bis zu seiner Zeit galt der Talmud in seinen hagadischen Bestandteilen als ein Buch voll „abgeschmackter rabbinischer Alfanzereien". Nach Herder war es Engel, der in seinem „Philosoph für die Welt" Proben rabbinischer Weisheit in Übersetzungen von Mendelssohn und Friedländer veröffentlichte. Diesen Bahnbrechern folgten jüdische Bearbeitungen einzelner Sagen und Legenden oder ganze hagadische Anthologien von dem Prediger Gotthold Salomon, von Jakob Weil, Hurwitz, Fürst, Fürstenthal, Dukes, Giusexxe Levi und vor allem die großangelegten poetischen Nachbildungen von Leopold Stein und die bekannteste unter allen von Michael Sachs in seinen „Stimmen von Jordan und Euphrat". Alle diese jüdischen Bearbeitungen blieben im Großen und Ganzen auf jüdische Ar eise beschränkt. Den ersten bescheidenen Versuch einer Einführung talmudischer Hagada in die deutsche Literatur machte in neuerer Zeit I. Stern, dessen „Lichtstrahlen aus dem Talmud" s882 in der Reklamschen Universalbibliothek erschienen. Ungleich bedeutsamer und großzügiger ist der in dem vorliegenden Buche unternommene Versuch, die Sprnchpoesie, Fabeln und Parabeln des Talmud in poetischer Form der deutschen Gesamtliteratur einzuverleiben. Von diesem Gesichtspunkte aus ist die Auswahl von dem Autor getroffen. Aus dem ungeheuren Stoff der Hagada ist alles spezifisch Jüdische, alles auf Israel und seine Geschichte Bezügzügliche, alles religiös-dogmatische und kultuelle unberücksichtigt geblieben. So wird dieses Buch — ohne es zu beabsichtigen — zum beredten Verkünder des Universalismus der Rabbinen und offenbart den rein menschlichen Inhalt „die ewige Weisheit" des Talmud. Wie es in der deutschen Ballade heißt: „Sie singen von Lenz und Liebe, von seliger goldner Zeit, von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit; sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt, sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt", so umfaßt diese talmudische Spruchweisheit den weiten Umfang menschlichen Denkens und Empfindens, menschlicher Verhältnisse und Zustände: Leben und Sterben, Tugend und Laster, Ehre und Heldentum,. Weisheit und Wissenschaft, Mann und Weib, Jugend und Alter, Arbeit und Beruf, Staat und Gesellschaft, Handel und Wandel, Armut und Reichtum, Freud und Leid. In siebenundzwanzig Abteilungen werden 7 bis 800 Weisheitssxrüche und in einem angefügten kürzeren Teil ausgewählte Fabeln, Sagen und Erzählungen in poetischem Gewände dargeboten. Die Auswahl zeugt von Geschmack und gutem Takt; die Art der poetischen Bearbeitung verrät die große Formgewandheit und den geradezu bewundernswerten Fleiß des Bearbeiters. Nur wer selbst einmal versucht hat, die alten kernigen Weisheitsworte in modern poetische Form zu gießen, versteht die Schwierigkeiten zu würdigen, die von dem Uebersetzer zu überwinden waren. Aus den „Gedankensplittern" der Alten wurden unter der Neubearbeitung modern anmutende Sinngedichte und bisweilen recht scharf pointierte Epigramme. Leere Worte und alles störende Füllsel, sowie das eigenmächtige Hineintragen eigener Gedanken sind beinahe durchweg glücklich vermieden. wie epigrammatisch scharf sind folgende Sprüche: „Fehlts Dieben an Gelegenheit, gleich geben fies als Ehrlichkeit." „Durch Unrecht siegen, heißt unterliegen." „Solang ein Mensch nach Weisheit strebt, so lang' kommt er mir weise vor, sobald er weise glaubt zu sein, sobald ist er auch schon ein Tor." „Nicht wer nichts hat, nein, wer nichts kann, der ist ein wahrhaft armer Mann." „Es stünde besser um Volk und Welt, hält' Geld mehr Herz und Herz mehr Geld." „Am meisten Grund zur Vorsicht hat, wem alles glückte, was er tat." „Liebe wie Haß halten nicht Maß." Dankenswert ist der ausführliche Quellennachweis am Ende des Buches. Das Buch ist eine interessante und lehrreiche Lektüre für Groß und Klein. Wir können es insbesondere — in Geschenkeinband — als Aonfirmationsgeschenk und als Schülerprämie empfehlen. 81. Lerausgegeöen von der Vereinigung für bas liberale Judentum Berlin C 2, Leiligegeiststraße 45. Nur die Redaktion und den Vertag verantwortlich Dr. Ä. Keligmann, Rrankfurt a. Al., Viefenau 50. Druck und Ärpedition von Voigt 6s> «ÄCeiSet, AranLfurt a. Al., Biöergasse 6.

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