Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 12 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 285 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Milde: Mer hat recht? 285 sie, daß ganz anders des Juden Art sei. Des Juden Gott wollte der Gott aller Völker, ja der ganzen Erde sein, des Juden Gott wollte nur allein Gott sein, wollte nicht im Bilde angebetet werden, wollte nicht verehrt werden durch Opfer an Menschenleib und Menschenleben. Erst schüttelten die Heiden verwundert, dann entrüstet das Haupt. Wie, alle Völker, selbst die größten und gewaltigsten, die vornehmsten und gebildetsten sind Heiden, der Jude V^allein will etwas anderes sein? Der Jude V allein will eine Sonderstellung haben, der Jude, dieses kleine, winzige Völkchen will was Besseres sein? wie töricht, wie lächerlich! Als der ewige Jude aber blieb wie er war, als er sich nicht bekehren lassen wollte zu dem, was die ganze übrige Menschheit glaubte, da wollte man ihn gewaltsam zwingen: „Ls ließ der König in sein ganzes Reich ein Schreiben ausgehen, daß alle zu einem Volke werden und ein jeder seine Gebräuche ausgebe, und alle Völker fügten sich dem Gebote des Königs."4) Durch den Mund des Mathatias aber ertönte die Antwort des ewigen Juden: „wenn auch alle Völker dem König gehorchen, so wollen doch ich und meine Söhne und meine Brüder in dem von Gott mit unseren Vätern geschlossenen Bunde wandeln. Dem Gesetze des Königs werden wir nicht gehorchen, daß wir von unserer Religion zur Rechten oder Linken abweichen sollten!"?) Lr gehorchte nicht; die Heidenwelt konnte ihn nicht zwingen. Die Heidenwelt brach zusammen, schwach und morsch geworden. Der ewige Jude blieb. Das Lrbe der Heidenwelt trat das Christentum an, jugendsrisch und stark. Ls pries den ewigen Juden, daß er allein aus Lrden den Heiden *) Buch der Makkabäer Hs, ^2. 2) Buch der Makkabäer 2., s9—22. widerstanden. Denn nur weil der Jude von Geschlecht zu Geschlecht der Heidenwelt widerstanden, konnte das Christentum entstehen. „Alle Glieder von Abraham bis aus David sind Glieder, von David bis aus die babylonische Gefangenschaft sind Glieder, von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christum sind Glieder."3 4 5) Zum Schiedsrichter wurde das Christentum für den tausendjährigen Kampf der Heiden gegen den Juden und es entschied: Der ewige Jude hat recht gehabt! Doch bald wurde der Schiedsrichter zum Kämpfer. weil die Heiden ihm zufielen, wollte er auch die Juden haben und sprach: „Indem der Herr saget: „Lin neues Testament" machet er das erste alt. Was aber alt und üb erfahret ist, das ist nahe bei seinem Lnde."-) Aber der ewige Jude fühlte sich nicht „überjahret" und nicht „nahe seinem Lnde", meinte, daß das Christentum für die Heidenwelt gekommen sei und nicht für ihn. Da schalt das Christentum den Juden verstockt und hartnäckig; „denn das Herz dieses Volkes ist verstocket, denn sie hören schwer mit den Ohren und schlummern mit ihren Augen."3) Zur völkerbeherrschenden katholischen Kirche wurde das Christentum, und wieder wurde es wie einst. Linsam wandelte der ewige Jude. Alle Völker ringsum, die großen wie die kleinen, die gebildeten wie die ungebildeten, folgten der Kirche, nur der Jude zog seinen einsamen Pfad, wie einst in der Heidenwelt. Hörte nicht auf lockende Stimmen, ließ sich auch nicht bekehren durch Not und Llend, durch Verfolgung und Tod. wer hatte in diesem Kampfe recht? \500 Jahre vergingen. Da kam ein gewaltiger Mann. Lr schlug so gewaltig 3) Evangelium St. Matthäi, Kap. \., \7. 4) Lbräer Kap. 8., J3. 5) Apostelgeschichte Kap. 28., 27,