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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. Seite 283

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
12 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 283 (sequence 19)
Language
German
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Weitere Beiträge zur Sabbatfrage in Briefen an Dr. Norden 283 ten, am Sonntag Gelegenheit, ihrem Gott zu dienen. Allerdings dürfte der Gottesdienst nicht die physische Sonntagsmorgenruhe so beeinträchtigen, daß derselbe nach harter Wochenarbeit schon, wie am Samstag, in früher Morgenstunde beginnt; und vielleicht, aber nur — vielleicht hält ein solch anfänglicher Sonntagsbesuch des Gotteshauses nach, wie eine derartige Wahrnehmung an Feiertagen, die auf den Sonntag sielen, schon gemacht worden ist. Lin Freitagabendgottesdienst für Schüler ist ja schon allenthalben eingesetzt, und es lohnte sich gewiß eines ernsten Versuches, einen Nachgottesdienst am Sonntag auszugestalten. Daß manche Gebete im Interesse der Andacht zu kürzen wären, das wissen Berufenere besser als eine Frau zu beurteilen; doch, wie schon Stimmen laut geworden, zur völligen Ausschaltung unserer hebräischen Gebete, deren tiefer Sinn mehr empfunden, als übersetzt werden kann, zu schreiten, das gehört sicher nicht zur Tendenz eines liberalen Judentums. Das hieße, die jüdische Religion eines tiefen, heiligen Mysteriums berauben, das die Juden aller Zonen als Fluidum zusammenhält! Wo das ScFma ertönt, fühlt sich der Jude geborgen, ob er Nord, Süd, Ost oder West der Erdkugel durchquert, und das heilige Adonoi, in Seelennot ausgerufen, ist in keiner andern Sprache definierbar. Daß das Verständnis, besonders unserer jungen Frauen, für hebräisches Gebet ein minimales ist, lag in den lauen Zeitverhältnissen von Lseim und Religionsunterricht; doch ist ja jedem Gebetbuchs für die Frau, die beten will, die möglichst getreue Uebersetzung in gutem Deutsch beigegeben, Hat nicht der katholische Rirchenkult auch seine lateinische Messe und weiteren Ritus, der von den meisten Gläubigen nur dem Sinn nach verstanden wird, und dieselben fühlen sich dabei gewiß nicht weniger als gute Deutsche! Das Erlernen der hebräischen Sprache, wie solche speziell in den Schulen Bayerns systematisch gelehrt wird, ist für Rinder, allmählich vorgehend, nicht zu schwer; und der halbwegs gelehrige Schüler bringt es bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre spielend fertig, die vorgeschriebenen Gebete und noch etwas mehr übersetzen und verstehen zu lernen. Es liegt entschieden in jedem jüdischen Rinde ein besonderer Intellekt für die Ursprache seines Volkes. Allerdings wird nach dieser Richtung mancher Vater und manche Mutter von heute von ihren Rindern übertroffen, und bedauerlicherweise unterschätzen solche Eltern dann den tiefgehenden erzieherischen Einfluß eines lauteren Religionsfonds und damit den seelischen und ethischen Halt, den sie ihren Lieblingen für Gemüt und Charakter entziehen. Doch wirken auch oft in solchen Fällen, wie oft im Leben, unsere Rinder vollendend auf die Erziehung der Eltern! — Außer den modernen Sprachen, die zum Weltverkehr notwendig, müssen ja auch Griechisch, Latein von unsern Sprößlingen mutig bewältigt werden, und meist ist es die moderne Mutter, die sich selbstlos mit auf den Rampfesweg begibt, um ihrem jungen Sohne die Bürde tragen zu helfen. Diese tapfere, jüdische Mutter sollte es aber auch nicht an gutem Willen und Ausdauer fehlen lassen, ihrem geliebten Rinde durch Bei- und Nachhilfe die Schwierigkeiten seiner Religionssprache zu erleichtern; und was sie selbst dabei erlernen kann, ist ein Erfolg, der köstlich ergänzend wirkt und ihr eigenes religiöses Empfinden hebt. Es soll aber auch die Stimme solcher Eltern zur Geltung gelangen, die einen entsprechenden Religionsunterricht ihrer Rinder gutheißen, aber mit Recht in deren physischem und psychischem Interesse fordern.

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