Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. Seite 276

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
12 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126482-3126495--0294-3127067
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

276 Ar. Karl Ittner: Aas Judentum an sich das Buch der Lehre. Der König läßt sich das Buch vorlesen und zerreißt nach Anhören desselben seine Kleider. Der Inhalt, namentlich die Strafandrohungen gegen den Götzendienst, war ihm neu. wenn nun der fromme König und die Hierarchie nichts von der Existenz des schriftlichen Gesetzes wußten, dann war es der großen Blasse des Volkes erst recht unbekannt. Und wo sollen da die zahlreichen Bestimmungen und Subtilitäten des sog. mündlichen Gesetzes ihre Träger und Ueberlieferer gehabt haben? Es ist ein gradezu unsinniger Gedanke, daß bei einem Volke, das bis zum babylonischen Exil den gröbsten Götzendienst trieb, im talmudischen Sinne „gelernt" worden sein soll, daß man sich also beispielsweise darüber unterhalten habe, ob ein an einem Feiertag gelegtes Ei am gleichen Tage verzehrt werden dürfe. Nein, es gab keine talmudischen Lehrhäuser in Israel zu einer Zeit, wo erst die Anfänge eines schriftlichen Gesetzes vorhanden waren, wo selbst diese nichts weniger als Gemeingut waren, zu einer Zeit, wo noch ein Elias allen xentateuchischen Vorschriften zum Trotz auf dem Karmel und nicht in Jerusalem opfert, wo die Propheten sogar gegen die Opfer auftreten und statt äußerer Frömmigkeit eine Religion des Herzens fordern. Blag über die Komposition und Entstehungszeit des Pentateuch noch soviel Unsicherheit bestehen, das eine ist gewiß, daß er in seiner heutigen Form von Moses nicht herrühren kann, daß er überhaupt nicht das Werk eines Einzelnen ist, daß er vielmehr bei tieferem Eindringen sich als eine Zusammenfassung häufig sich widersprechender, von verschiedenen Autoren herstammender Teile darstellt. Die Forschung hat diese Tatsachen bis zur Evidenz dargetan. Oder hat Moses etwa die Verse Genesis, Kap. 36, v. 3\ ff., geschrieben, die eine Liste der Könige enthalten, welche im Lande Edom regierten, „ehe bei den Kindern Israel ein König regierte"? Oder den Vers: „Und niemand kennt seine (d. i. des Moses) Grabstätte biszumheutigen Tage" (Deuter. 3^, 6)? Oder den Satz, „daß das Land (Kanaan) euch nicht aussxeie, wenn ihr es verunreinigt, wie es die Nationen ausspie, die vor euch waren" (Levit. \8, 28)? Die Rechtgläubigkeit ist natürlich mit der Antwort bei der Hand, daß diese und andere Stellen eben vom Geist der Prophetie eingegeben oder gar vom Allmächtigen selbst diktiert sind. Was den Allmächtigen aber veranlaßt haben soll, dem Moses eine Liste ausländischer Regenten bis zu Sauls Zeiten zu diktieren, das bleibt so unbegreiflich wie die Orthodoxie selber. Oder wollte man sich ja bei dieser Antwort beruhigen, was soll man dann mit den vielen Widersprüchen und andern Unmöglichkeiten anfangen, von denen der Pentateuch voll ist? Hier einige Beispiele. Die Schöpfungsgeschichte in Genesis Kap', l widerspricht der Darstellung in Kap. 2. In der Erzählung von der Sintflut sind, ganz abgesehen von der Unmöglichkeit des Vorgangs wie er in der Bibel berichtet wird, zwei abweichende Vorlagen ineinander gearbeitet, aber nicht ausgeglichen. In vier Generationen (s. Genesis ^5, ^6) konnten sich die im Lande Goschen angesiedelten 70 Personen unmöglich auf etwa 2 Millionen vermehren, die wir nach der biblischen Darstellung als Ziffer der aus Aegypten ausziehenden Israeliten ansetzen müssen. Schon der Talmud sieht sich deshalb genötigt, eine fabelhafte Fruchtbarkeit (6 oder gar 60 Kinder in jedem Mutterschoß!) anzunehmen. Die Rebekka, die Elieser am Brunnen trifft, und in der er sofort die richtige Frau für Isaak erkennt, kann nicht mehr als 3 Jahr alt sein (S. Raschi zu Genes. 25, 2). Und von diesem dreijährigen Kind wird erzählt: „Sie war von sehr schönem Aussehen, eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.