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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. Seite 275

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
12 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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o o o o Ar. Karl Ittnrr: Ass Judentum sn sich 275 bildet das schriftliche Gesetz (Thorab schebikthab); ihre Interpretation und notwendigen Ergänzungen aber wurden nur mündlich überliefert und erst in viel späterer Zeit, als die Not dazu zwang, schriftlich fixiert. Diese Niederschrift ist im Talmud enthalten. Er ist also die Quelle für das mündliche Gesetz (Tborah scheb Tal peb). Nicht alle talmudischen Vorschriften erheben den Anspruch, direktes, göttliches Geheiß zu sein; neben die Halachab lemoscheh missinai treten zahlreiche Verordnungen (geseroth, tekanoth), die ausdrücklich als rabbinische bezeichnet werden, für die aber der gleiche Gehorsam verlangt wird wie für die biblischen Gesetze. Alles was die Rabbinen angeordnet haben, ist so, als hätte es die Thora angeordnet, lautet ein talmudisches Diktum. 2TEit dieser in Anspruch genommenen gesetzgeberischen Befugnis setzen sich die Talmudlehrer kühn über das biblische Verbot hinweg, welches lautet: „Alles, was ich euch gebiete, sollt ihr beobachten zu tun; du sollst nichts hinzufügen und nichts davon . wegnehmen" (Deuter. (3, (). Sie kannten eben wie ihre Epigonen noch kein „Judentum an sich", sondern nur ein Judentum für die Z irden, für die religiösen Bedürfnisse der Zeit. Sie gebieten und verbieten auch gegen das Gesetz Mosis. Ein sehr bekanntes Beispiel ist die von Lsillel getroffene Einrichtung, wonach ein Gläubiger die schuldentilgende Kraft des Schemitajahres einfach durch eine Scheinzession seiner Forderung aufheben konnte. Ein weiterer Beleg ist das verbot der Eheschließung durch das primitive Verfahren, das allein der Pentateuch kennt (s. Mischnah Kidduschin I, ( und Bartinora z. St.). Die Schriftgelehrten legen die Grundlage des heutigen Kultus durch Errichtung von Synagogen und Schaffung eines liturgischen Rituals. Sie gründen Schulen und Lehrhäuser. Sie vermehren die Zahl der biblisch gebotenen Feiertage und erklären das Lichteranzünden zur Erinnerung an den Sieg der Makkabäer im Jahre (65 v. Thr., also zu einer Zeit, wo die Prophetie längst erloschen war, für eine göttliche Anordnung. Sie beseitigen die f}ärte des biblischen jus talionis, indem sie Geldstrafen an Stelle der körperlichen Verstümmelungen (Auge um Auge usw.) setzen. Sie machen die im mosaischen Kodex ausgesprochenen zahlreichen Todesstrafen durch eine Reihe strenger Kautelen nahezu illusorisch. Ls war gewiß das verständnisvolle Eingehen auf den Geist und die Bedürfnisse der Zeit, was den Rabbinen oder peruschim den großen Anhang im Volke und damit einen bis auf den heutigen Tag fortdauernden Einfluß verschaffte, nicht die Unanfechtbarkeit ihres fundamentalen Dogmas von der Göttlichkeit der mündlichen Lehre. Mit der Opposition gegen diesen Glaubenssatz war die Partei der Sadduzäer, ebenso wie die im achten christlichen Jahrhundert entstandene Sekte der Karäer entschieden im Recht, Wer vorurteilsfrei die Bibel studiert, der sindet darin auch nicht den Schatten eines Beweises für die Existenz eines mündlichen Gesetzes, wohl aber zahlreiche Beweise für die gegenteilige Annahme. Wo in aller Welt war denn dieses Gesetz, als man, wie noch in der späteren Königszeit, kaum etwas von dem geschriebenen Gesetz kannte? Man vergegenwärttge sich nur einmal den in 2. B. d. Könige, Kap. 22, erzählten Vorgang. Zosiah, nach dem Zeugnis der Bibel ein frommer König, der das in den Augen Gottes Rechte tut und in den Wegen „seines Vaters David" wandett, regiert bereits (8 Jahre. Da schickt er eines Tages in Temxelbauangelegenheiten einen Beamten zum Gberpriester bsilkiah. Bei diesem Anlaß übergibt der Thef des Kultus dem Beamten ein bisher jedermann unbekannt gewesenes Buch, das er im Tempel gefunden haben will. Es ist ssxbsr battorab.

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