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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. Seite 274

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
12 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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274 Ir. Karl Ittnrr: Aas Judentum an sich Hiermit will ich die vorläufige Betrachtung des neuen Gebetbuchs schließen und zugleich die Hoffnung aussprechen, der erste Teil des nach den gleichen Grundsätzen bearbeiteten Werkes möge baldigst erscheinen. Erst dann wird sich eine eingehende Kritik über das neue Gebetbuch aussprechen lassen, das, wie ich hoffe, auch bewirken wird, daß eine neue musikalische Gestaltung unseres Gottesdienstes erfolgt. Denn auch auf diesem Gebiet ist eine Erneuerung dringend notwendig. Das „Judentum an fich“ Von Dr. Karl Jttner. on Kant stammt der Terminus „Ding an sich". Das Ding an sich ist der unbekannte, unerforschliche, unveränderliche Urgrund der Welt der Erscheinungen, wenn daher die Orthodoxie ihr Judentum als das „Judentum an sich" bezeichnet (s. Heft 3, S. 5\ dieser Zeitschrift), so will sie damit sagen, daß sie allein die reine, objektive, von allen menschlichen Irrtümern freie Wahrheit besitzt, daß diese ihre Lehre unbeeinflußt von dem Gang der Geschichte zu allen Zeiten die gleiche gewesen, daß sie niemals eine Veränderung erlitten hat und demgemäß auch für alle Zukunft unverändert beizubehalten ist. Eine solche ungeheuerliche, mit den offenkundigsten Tatsachen kollidierende Behauptung ist für den schlichten verstand eines Menschen, der von der jüdischen Religionsgeschichte auch nur eine oberflächliche Kenntnis hat, einfach unfaßbar. Man wird zu der Vermutung gedrängt, daß bei den ehrlichen Kennern und Bekennern der Orthodoxie die tausendjährige Unterwerfung unter Vorschriften und Sätze angeblich göttlichen Ursprungs eine eigenartige Seelenblindheit erzeugt hat, wogegen der gesunde Menschenverstand einfach machtlos ist. Der gleichen Erscheinung begegnen wir ja auch bei den Gläubigen anderer Religionen. Ihren Triumph feiert diese Geistesrichtung in dem scholastischen ereäo guia absurdum est. Gerade weil die Sache so ganz und gar unbegreiflich ist, muß sie wahr sein. Wie käme man sonst auch dazu sie zu behaupten? Ich lasse mich nicht irre schreien, Nicht durch Kritik noch Zweifel; Der Teufel muß doch etwas sein, wie gäb's denn sonst auch Teufel? Die Behauptung von einem unveränderlichen, von zeitlichen und räumlichen Bedingungen unabhängigen „Judentum an sich" streitet, wie gesagt, mit offenkundigen Tatsachen. Trotzdem dürfte es nicht überflüssig sein, hier auf einige derselben einen Blick zu werfen. Denn es wird nachgerade zur Notwendigkeit, daß die Anhänger des liberalen Gedankens sich über die theoretische Grundlage ihrer Anschauung klar werden, um das Prinzip des Fortschritts mit der nötigen Festigkeit, die nur eine unerschütterliche Ueberzeugung gewähren kann, vertreten zu können. Das „Judentum an sich" im Sinne der Orthodoxie ist talmudisches Judentum, d. h. im wesentlichen Mosaismus interpretiert durch die Schriftgelehrten, Mischnah- und Gemaralehrer, deren Leben etwa ein Jahrtausend umfaßt, und deren geistiges Schaffen in der Hauptsache in den Folianten des babylonischen und jerusalemischen Talmud uns vorliegt. Soweit der Talmud Halachah, d. h. Religionsgesetz ist, behauptet er ebenso wie der Pentateuch göttlichen Ursprungs zu sein und direkt vom Sinai, dem Berg der Offenbarung, zu stammen. Die eine Lehre wurde niedergeschrieben, sie

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