Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 12 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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270 Msr Kirfchstrin: Ein neues Gebetbuch o o 0 v gegen den er schwere religiöse Bedenken hat. Wer wahrhaft liberal gesinnt ist und in dem Rabbiner nicht bloß einen Gemeindebeamten, sondern auch den religiösen Führer der Gemeinde erblickt, wird mir beixflichten und soviel er vermag dazu beitragen, daß der mit vielem Fleiße ausgearbeitete, viele vortreffliche Bestimmungen enthaltende, aber auch in vielen Punkten verbesserungsbedürftige und verbesserungsfähige Grganisationsentwurf so ausgestaltet werde, daß er unter allgemeiner Zustimmung als Gesetzesvorlage der Staatsregierung eingereicht werden kann. 6n neues Gebetbuch. Von UIqx Kirschstein-Berlin. eit vielen Zähren ist die Umgestaltung des Gottesdienstes eine der wichtigsten Fragen unseres religiösen Lebens geworden. Sehr viele Gemeinden haben das überlieferte Gebetbuch nicht mehr völlig beibehalten können, und die Wünsche der Andächtigen haben eine ganze Reihe von Rabbinern dazu bewogen, entweder selbst einen neuen Ritus zu schaffen, oder die Gebetordnung eines Rollegen einzuführen. Ich halte es für zwecklos, an dieser Stelle abzuwägen, in wieweit die neuen Andachtsbücher ihren Zweck erfüllt haben; im Grunde suchten die Verfasser den Bestrebungen gerecht zu werden, wie sie etwa Joseph Aub formuliert hat: Beseitigung der Benediktionen, deren Inhalt sich nicht mehr mit unserem Empfinden deckt und Abschaffung der vielen Wiederholungen, die störend und ermüdend auf unsere Andacht wirken. Aber selbst Männer wie Joel in Breslau haben sich von einer gewissen Aengstlichkeit bei der Ausgestaltung des Gebetbuchs nicht frei machen können. Er verfiel in den gleichen Fehler, den beispielsweise auch die Rommission für die Ausarbeitung des Berliner Gebetbuchs beging: all die Gelehrten änderten den überlieferten Text, ersetzten dessen Worte durch ähnlich klingende und zeigten wohl ihre Belesenheit und reichen Renntnisse, lieferten aber ein Werk, dem oft die innige Wärme des alten Textes verloren gegangen war. Ich kann mich nicht von dem Empfinden frei machen, daß diese Aenderungen in Pietät- und rechtloser Weise vollzogen wurden, und wer historisches Verständnis hat, wird das Vorgehen dieserReformatoren keineswegs billigen. Ferner bemerke ich: die Renntnis des hebräischen ist in unserer Zeit nicht mehr so groß, daß alle Beter, die den alten Text vielleicht zur Not verstehen, nun auch den neuen sofort begreifen werden, und so scheint es mir auch aus diesem Grunde verfehlt, den bestehenden modernen Gebetbüchern das Wort zu reden. — Es wäre vielleicht berechtigt, auf einer neuen Grundlage ein neues Gebetbuch für sämtliche freisinnige Gemeinden Deutschlands zu verfassen, um sowohl die Verschiedenheit aufzuheben, wie zugleich die willkürlichen Abänderungen abzuschaffen. Unser Gottesdienst hat durch die vielen Gebete, die eine musikalische Ausgestaltung hemmen — denn sonst würde die Andacht allzu lange dauern — eine gewisse Eintönigkeit erlitten. Zugleich haben die Abänderungen die Benediktionen bezeichnet, die nicht mehr zeitgemäß sind und deshalb völlig entfernt, aber nicht verstümmelt werden sollten. Als Ersatz für die auf diese Weise forffallenden Gebetstücke ergeben sich wie von selbst die Psalmen, die andere Glaubensgemeinden scheinbar mehr würdigen als die unsere.