Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 11 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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262 Kücherschan Wendungen zu machen. So erscheint die Bezeichnung der jüdischen Religion schlechthin als „prophetische Religion" als falsch. Verfasser begründet diese Benennung in der Einführung folgendermaßen: „Da alle religiös - sittlichen Lehren des Judentums entweder in den fünf Büchern Mose oder in den Schriften der späteren Propheten enthalten sind, dürfen wir unsere Religion als eine prophetische bezeichnen." Damit wird die Arbeit der Männer des Talmuds in ihrer Eigenart ganz ignoriert, zum mindesten gegenüber der der Propheten als von minderer Geltung erklärt. Aber man mag die Tätigkeit der Propheten noch so hoch schätzen, mag sie als die religiösen Genies für alle Zeiten verehren, deshalb bleibt doch im Judentum das Lalmudische Element als konstitutiver Faktor. Es bleibt einmal, weil das Zeremoniale, dessen Berechtigung und Notwendigkeit ja auch Verfasser ausdrücklich hervorhebt, im Talmud seine Ausprägung gefunden hat, und dann, weil Grundgedanken der talmudischen Diskussion in der Erkenntnis der stetigen Arbeit an dem Gebäude der religiösen Pflichten und in dem religiösen Charakter des Forschens und Lernens und in manchem anderen in uns ständig fortwirken. Demnach hat man kein Recht, das Judentum glatt und schlechthin eine „prophetische Religion" zu nennen. Einspruch ist ferner zu erheben gegen das Kapitel „Sünde und Buße". Daselbst läßt Verfasser die Sünde aus der im Menschen lebenden Neigung zum Bösen hervorwachsen. Diesem Gedanken begegnen wir mehrfach im genannten Kapitel. „Die Neigung zum Bösen lebt in uns allen, aber wir haben die sittliche Pflicht, ihrer Herr zu werden." (S. ^.) Aus Ierem. % 2H folgert er: „Das ist des Propheten Meinung: Die Sünde wurzelt in der bösen Neigung des menschlichen Herzens." (S. 42.) Das aber ist denn doch nicht die Auffassung des Judentums. Ihm ist das Schlechte und Böse ein Vorübergehendes, ein Irrtum der Seele, ein Mangel an richtiger Erkenntnis Gottes und seiner Forderung, aber nicht eine im Menschen vorhandene Neigung zum Bösen. Darin eben unterscheidet es sich ja auch so wesentlich vom ThristenLum, daß es eine so pessimistische Lehre wie die angeborene Hinneigung der Menschennatur zur Sünde leugnet; wir würden mit einer solchen Anschauung der Lehre von der Erbsünde und von dem Kampf des Menschen gegen die Fallstricke der Sünde als seiner wichtigsten Lebensaufgabe verzweifelt nahe kommen. Man wende nicht ein, daß der hier bekämpfte Gedanke ja in dem bekannten Satze Mos. 8, 2^: „Denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von Zugend an" ausdrücklich ausgesprochen ist und also als biblischer Gedanke zu gelten hat; denn abgesehen von der an sich strittigen Interpretation des Satzes ist er nur eine Aeußerung, und über ihn.schritten die Propheten schon zu einer anderen Auffassung hinüber. Der Sinn ihrer predigt und der Sinn der talmudischen Ethik ist ständig: „Alle Sünde ist Irrtum und Mangel an rechter Erkenntnis und nicht angeborene Neigung zum Bösen." Eine besondere Beachtung verdient das Kapitel: „Menschenschicksal und Gottvertrauen". Hier behandelt Verfasser das schwierige Problem der Theodicee. And er beseitigt die Zweifel und Linwürfe im Wesentlichen damit, daß er den Satz aufftellt: „Wir haben kein Recht, zwischen sittlichen Verfehlungen und Naturereignissen, zwischen Sünden und Schicksalsschlägen eine innere Verbindung herzustellen". „Sittengesetz und Naturgesetz, Versündigung und Schicksalsschläge haben nichts miteinander zu tun". (S. 56.) Ich muß gestehen, daß ich, als ich diese Sätze las, eine tiefe Freude empfunden habe, weil ich in ihnen einen Gedanken wiederfand, den ich selbst im Unterricht oft zu vermitteln mich bemüht habe. Denn in der Tat liegen hier Keime zur Begründung von starken Persönlichkeiten, die sich im Unglück bewähren, ohne doch von ihrem Gottesglauben einen Deut einzubüßen. Aber, und das ist der Fehler des Verfassers, man hat kein Recht, das als prophetische Lehre zu bezeichnen. Man braucht nicht erst zu beweisen, daß den Propheten und auch den nachprophetischen Trägern der religiösen Gedanken Menschenschicksal und eigene Tat in engstem Zusammenhänge stehen, jedes Kapitel fast lehrt es uns. Hätte Verfasser seine Lehre hingeftellt als moderne Fortentwicklung jüdischer Gedanken, als eine Notwendigkeit für die Zeit, da, wie es in immer steigendem