Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 11 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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o o Nr. I. Gsldschrrndt: Claude Msntesiorr's „Liberales Judentum" 255 von Juden geschrieben ist, einige neue religiöse und sittliche Wahrheiten enthalten, die den Wahrheiten des Alten Testaments als Ergänzung dienen können?" Die Stellung des Neuen Testaments zum „Gesetz" ist eigentlich nur für die „Gesetzestreuen" ein unüberwindliches Hindernis. Die paulinischen Uebertreibungen und die Verkündigung Jesus als Messias werden wir wohl zurückweisen, aber „das Gute und Wahre in ihm ist göttlich, weil alles Gute und Wahre von Gott kommt." Aber Montefiore sieht doch ein, „ein Kapitel des Neuen Testaments in einer „liberalen" Synagoge zu lesen, würde zu Mißverständnissen Anlaß geben." Ich für meine Person gestehe, daß ich hier einen tieferen Gegensatz zwischen dem Alten und dem Neuen Testament sehe, der gar keinen Ausgleich zuläßt. Es sind zwei grundverschiedene Welten, die im Alten und im Neuen Testament in die Erscheinung treten. Die Verschiedenheit ist eine durchaus grundsätzliche. Im Alten Testament herrscht die Anschauung: Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes, die Natur des Menschen ist frei von Sündhaftigkeit, der Mensch kann aus eigener Kraft sich zum Guten erheben. Im Neuen Testament herrscht dagegen die Vorstellung: Die Natur des Menschen ist sündhaft, er kann sich nicht aus eigener Kraft erheben, er bedarf des Erlösers. Im Alten Testament ist der Weg zum Monismus offen gelassen, im Neuen Testament herrscht der platonische und alexandrinische Dualismus, den Paulus dem Urchristentum imprägniert hat. Das sind und bleiben zwei entgegengesetzte Weltanschauungen, deren Versöhnung nur auf Kosten der reinen Wahrheit versucht werden könnte und darum nicht wünschenswert ist. Im Namen der Ethik muß ewig das Prinzip von der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur bekämpft werden: das war die eigentliche Mission des Judentums gegenüber dem naiven Heidentum und bleibt ewig die Mission des Judentums auch gegenüber dem Rückfall ins platonische Heidentum. Die Mission des Judentums, das ist gerade der Lebensnerv des liberalen Judentums. Der Forderung einer geschichtlichen Mission des Judentums leiht Montefiore die kräftigsten Töne im Schlußkapitel. Er weist auf die Merkwürdigkeit hin, daß die „\3 Glaubensartikel" von einer Mission Israels schweigen. „Keine liberalen „Glaubensartikel" würden vergessen, der Mission Israels Erwähnung zu tun." „So schwer es auch sein mag, die Welt mit Gott zu verstehen, noch schwerer ist es, sie ohne Gott zu verstehen. Deshalb glauben wir. Aber wenn Gott die Welt regiert, dann ist es nahezu eine Notwendigkeit, daß er die Aufgaben und Fähigkeiten der einzelnen Völker und Gemeinschaften bestimmte. Griechenland entsprang ebensowenig dem Spiel des Zufalls als Judäa." Goldene Worte! Israels Auserwähltheit ist die allgemeine Auserwähltheit aller Menschen und Völker: das Besondere, das die Vorsehung ihnen verliehen, klassisch auszuprägen und den Brüdern zu zeigen, was ein Gott ihnen ins Herz gelegt hat. Israels geschichtlicher Beruf war und ist: die Erkenntnis der Einheit des Unendlichen aus dessen Ebenbilde im Menschen, aus dem das Wesen des Menschen ausmachenden Streben nach dem Unendlichen; mit einem Worte: die Entdeckung des. . . „Menschen". Diese Entdeckung ist'' nicht, wie bei theoretischen Wahrheiten, mit einem Male abgeschlossen, sie muß ewig, von jedem Menschen, immer neu gemacht werden; das Heidentum, die prinzipielle Zersplitterung der Menschheit, ist in jedem Kinde immer neu zu überwinden, die Liebe in jedem Kinde aufs neue zu begründen. Darum hat es keinen Sinn, von einem Abschluß der Mission Israels zu sprechen, um so weniger, als jede „Kirche"