Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 11 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Nr. I. Gsldschmidt: Claude Montrfiore's „Liberales Judentum" liberale Judentum durch die Orthodoxie ausgeschlossen wird. Wenn Judentum eine „Anschauung" wäre, dann könnten unmöglich zwei entgegengesetzte „Anschauungen" zugleich diesen Namen verdienen. Die eine wäre logisch gezwungen, die andere nicht zu tolerieren. Toleranz wäre in diesem Falle Lüge. Anders liegt es, wenn das Judentum nicht nur eine Weltanschauung, sondern ein besonderes soziologisches Gebilde ist, um eine eigentümliche Formation des psychischen Gebildes „Religion" zur Darstellung zu bringen. Nur unter dieser Voraussetzung könnten liberales Judentum und Orthodoxie, wie auch die dazwischen liegenden Nuancen, die verschiedenen Wege sein, die zu demselben Ziele führen. Das Falsche der Orthodoxie würde dann darin bestehen, daß sie zwischen Ziel und weg nicht unterscheidet, daß sie den weg für das Ziel nimmt, und die Verschiedenheit des Weges als genügenden Scheidungsgrund ansieht. Das Liberale Judentum würde in diesem Falle dagegen nur konsequent handeln, wenn es jeden als Bruder anerkennt, der an irgend einer Wallfahrt zu dem gemeinsamen Ziele teilnimmt, selbst dann, wenn ihm das erstrebte Ziel nicht in voller Klarheit vorschwebt, sondern nur das Vertrauen auf die Führer ihn bei der Gemeinschaft erhält, und nicht minder auch denjenigen, der auf eigenen wegen, abseits von der Menge dem Ziele zustrebt, oder der Menge neue Wege zum gemeinsamen Ziele zeigen und ebnen will. Zn diesem Sinne würde der „Wille zum Judentums" zwar rächt das Judentum, wohl aber die Zugehörigkeit zum Judentums ausmachen und begründen. Schon aus diesen Ausführungen ist zu ersehen, wie sehr die Verbreitung des Montefioreh'chen Buches in den Kreisen des liberalen Judentums fruchtbringend wirken müßte. Ls würde zu weit führen, wollten wir, wenn auch in größter Kürze, Montefiores Gedanken über „das Wesen Gottes und seines Verhältnisses zum Menschen", über das „Gesetz", die „Zeremonialsatzungen" und die „Synagoge", den „Sabbat" und die „Festtage" hier skizzieren. Bei den Sxezialarbeiten über diese Gegenstände wird man nicht umhin können, an Montefiore's Ausführungen anzuknüpfen. was diese auszeichnet, ist, abgesehen vom sachlichen werte, der heilige Lrnst und die geradezu rührende Bescheidenheit des Verfassers. Nur auf zwei Kapitel sei besonders aufmerksam gemacht, auf die beiden letzten: „Die Stellung des liberalen Judentums zum Neuen Testament", und „Die Mission des liberalen Judentums". Mit der schon bei den \5 Glaubensartikeln bewiesenen Kühnheit verlangt Montefiore vom liberalen Judentum auch klare Stellungnahme zum Neuen Testament, „wie denken wir liberale Juden über dieses berühmte Buch? Ist es gut oder schlecht, wahr oder unwahr? Oder ist es gut und schlecht, wahr und unwahr? Ist das Neue in ihm schlecht und unwahr, und das Gute und wahre in ihm nicht neu? . . . Allzulange schon sind die jüdischen Schriftsteller dieser Frage aus dem Wege gegangen." Bei der liberalen Anschauung vom Alten Testament könne man auch dem Neuen Testament gerecht werden. Der Liberale denkt: „Das Alte Testament enthält viel Wahrheit, aber nicht alle Wahrheit; nicht alles in ihm ist währ. Gott mag bestimmt haben, daß auch die heiligen Bücher anderer Völker und Bekenntnisse, neben vielen Zrrtümern auch viele neue Wahrheiten enthielten, welche den Wahrheiten des Alten Testaments zur Ergänzung dienen können. A priori hätte die Idee, daß Gott so handeln könnte, nichts Unwahrscheinliches noch Unglaubliches . . . Betrachten wir das Neue Testament nach diesen Gesichtspunkten! warum sollte nicht dieses Buch, das ebenfalls i m