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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 11 (1909) · p. Seite 253

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
11 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 253 (sequence 13)
Language
German
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Ar. I. Goldschmidt: Claude Montefisrr's „Fiderales Judentum" 253 diese Glaubensartikel viele Juden glauben, wenn auch die Art, wie sie daran glauben und die Art und Weise, wie sie dieselben interpretieren, grundverschieden ist. Im übrigen glauben nicht alle Juden an diese Glaubenssätze. Der Schreiber dieser Zeilen z. B. glaubt an 5 oder 6 von ihnen nicht." Aber der Glaube an Gott! „Der gesunde Menschenverstand sagt uns, daß wer an Jesus Christus nicht glaubt, kein Christ sein kann, und daß andererseits jemand, der an Gott nicht glaubt, kein Jude sein kann." Aber er fügt gleich hinzu: „Dieser Punkt liegt jedoch nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint." Was heißt: An Gott glauben? Nach welcher Auffassung von Gott? „Cs kann jemand die spinozistische Auffassung von Gott teilen und trotzdem verlangen, daß man ihn als Juden anerkennt. In der Tat hat schon mancher gute Jude spinozistische Lehren mit dem Judentum in Einklang zu bringen gesucht." Welches sind die Glaubensartikel, die nicht zu glauben Claude Montefiore offen bekennt? Cs sind die Lehren von der Offenbarung, von den Propheten, von Moses un,d der Ewigkeit des „Gesetzes". „Das altgläubige Judentum lehrt, daß sich Gott dem jüdischen Volke besonders geoffenbart hat, und zwar ihm als dem auserwählten Volke ganz allein, und daß diese Offenbarung von Wundern und Zeichen begleitet war, und daß ihr Inhalt jm Gesetz niedergeschrieben wurde, und das Gesetz vollkommen, unveränderlich und voll göttlichen Geistes sei. Die alte jüdische Lehre besagt ferner, daß jedes Wort in der hebräischen Bibel wahr sei und daß die „Wunder" wirklich geschehen sind, und jene, die alles ausgezeichnet haben, besonders Moses, als Verfasser des Pentateuch, göttlich und übernatürlich inspiriert waren, von den \'3 jüdischen Glaubenssätzen besagt der 6.: „daß jedes Wort der Propheten wahr sei", der 7. behauptet, „daß die proxhezeihung Moses wahr sei, und daß er der größte unter allen Propheten gewesen sei usw.". Der 8. besagt, „daß die gesamte Gesetzessammlung, wie wir sie heute im Pentateuch besitzen, die gleiche ist, die wir seiner Zeit von Mose erhalten haben". Der 9besagt: „daß das Gesetz ewig und unveränderlich sein wird". „Cs muß klar gesagt sein, daß das liberale Judentum keinen von diesen Glaubenssätzen anerkennt" . . . „Die neue Lehre vertritt im Gegenteil die Auffassung, daß gewisse Modifikationen des Gesetzes, als von der Vernunft, und somit vom Willen Gottes geboten erscheinen." Montefiore macht auch auf eine Tatsache aufmerksam, die wirklich sehr merkwürdig ist, und die mir als außerordentlich wichtig für das Urteil über das Wesen des Judentums erscheint, auf die Tatsache, daß überall nur die Orthodoxen exklusiv sind, aber nicht die Liberalen. Cr sagt: „Der Zweifel jedoch, ob sich eine Person mit Recht oder Unrecht als Jude, beziehungsweise als Christ fühlt, besteht heute nur noch in einer Richtung. Die Zweifelhaften sind die als Freireligiöse oder Moderne bezeichneten, während diejenigen, die den Glauben der letzteren in Zweifel ziehen, die Strenggläubigen oder konservativen sind. Die Freireligiösen sprechen den Orthodoxen die Berechtigung, sich als Juden, beziehungsweise als Christen zu bezeichnen, nicht ab, sondern es sind ausschließlich die Strenggläubigen, die den religiösen Beruf der Extrem - Liberalen anzweifeln." Diese Einseitigkeit der Intoleranz ist in der Tat sehr merkwürdig, und wenn der Standpunkt des liberalen Judentums auf dem Grundsatz beruhen würde, daß das Judentum nur eine „Weltanschauung" sei, dann müßte dem liberalen Judentum der Vorwurf der äußersten Inkonsequenz, ja der Unwahrhaftigkeit daraus gemacht werden, daß es die Orthodoxie mit ihren Irrlehren nicht ebensogut vom Judentum ausschließt, als das

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