Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 11 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Ar. I. Goldschmidt: Claudr Montrfiorr's „Fidrrolrs Judentum" schlossenen, menschlichem Fühlen und Wollen ewig gewissen Macht leugnen, die mit einem Worte nur eine natürliche, nicht aber eine sittliche Weltordnung kennen und anerkennen. Grade im Kampfe mit dieser Weltanschauung und dem aus ihr logisch zu folgernden und tatsächlich entspringenden Indifferentismus sein eigenstes Wesen, die ihm immanente Idee immer klarer, schärfer herauszuarbeiten, dieser Idee in Geschichte und Leben nachzugehen, alle Gebiete des menschlichen Daseins mit ihr zu durchdringen und zu durchleuchten, das ist die erste, wichtigste und bedeutsamste positive Aufgabe des liberalen Judentums. Line zweite notwendige Aufgabe erwächst ihm dann in der Pflicht, die äußere Form seines Tempels, Symbole und Gebräuche in allmählicher stetiger Entwickelung den sozialen und kulturellen Bedingungen der Gegenwart anzupassen, sie mit den geistigen und künstlerischen Richtungen des lebenden Geschlechts möglichst in Linklang und Uebereinstimmung zu setzen. Ueber diese beiden Aufgaben des liberalen Judentums möchte ich mir Vorbehalten, in einem folgenden Aufsatz noch einiges weitere auszuführen. Claude ITlontefiore’s „Oberelles Von Dr. J. Goldschmidt-Offenbach a. Hl. Llaude G. Montefiores „Liberales Judentum" ist $03 in englischer Sprache erschienen und liegt seit $06 in einer deutschen Übersetzung*) von Gsoar j)laut vor. welche Fülle von Anregungen, welchen Reichtum von praktisch höchst beachtenswerten Vorschlägen enthält dieses Buch! Der ganze Sturm der theoretischen und praktischen Sorgen des liberalen Judentums durchbraust das für das Judentum und seine Erhaltung glühende Herz dieses edlen Glaubensgenossen. Er kennt die Gegenwart, wie sie in Wirklichkeit ist und kennt das Judentum der Vergangenheit. Mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit erwägt er die Forderungen und Rechte der Persönlichkeit und der Gesamtheit, ustd überall ist Wahrheit, das „Siegel Gottes", sein Leitstern. Er weiß, daß das „Ich" nur eine Lins ist, aber er weiß auch, daß diese Lins das Einzige ist, dessen wir gewiß sind. So sagt er von sich selbst: „Der Verfasser denkt und schreibt als frei- *) Leipzig, L. E. M. Pfeffer. Judentum“. religiöser Jude, aber das Judentum von dem er schreibt, entspricht ausschließlich seiner persönlichen religiösen Auffassung. Nach seinem eigenen Gefühl hält sich der Verfasser für einen Juden und hält seine religiöse Ueberzeugung für Judentum. Mb er mit seiner Annahme recht hat, können seine Leser, nicht er entscheiden. Nichtsdestoweniger müssen dieselben sein eigenes GefühlunddieAnsicht, dieerüber sich selbst hat, berücksichtigen, um zu einem richtigen Urteil über ihn zu kommen. Ich wiederhole jedoch, daß es eine Grenze geben muß, bei der es widersinnig ist, gewisse Glaubensrichtungen mit dem Sammelnamen „Judentum" zu bezeichnen." wo aber ist »diese Grenze? wer entscheidet darüber, was Judentum ist? Etwa die sogenannten „13 Glaubensartikel"? „Sind diese Artikel mit dem Begriff Judentum identisch? Sicherlich nicht! Denn das Judentum, als lebende Religion, ist keine Reihe von Glaubensartikeln, sondern eine Lebensauffassung, eine Weltanschauung. wenn keine Juden wären, würde auch kein Judentum sein. Es mögen an