Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 11 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. rnrd. Walther Faqurnr: Mas drdrutrt das liberale Judentum 251 Befolgung vieler heiliger Gebräuche und Vorschriften fest und untrennbar verbunden? Jeder unbefangene ferner stehende Beobachter der äußeren Formen, unter denen das Judentum bis heute in Erscheinung getreten ist, wird diese Fragen gewißlich mit ja beantworten, und doch haben wir an diesem Punkte den grundlegenden, durchgreifenden Unterschied, der das Judentum von allen andern Konfessionen trennt, klar und deutlich vor Augen. Der Christ hört auf, dem Sinne nach Christ zu sein, wenn er das Grunddogma der Göttlichkeit Christi verwirft. Der Jude aber, der glaubt, daß die Welt, wie sie sich unfern Sinnen offenbart, in Millionen Jahren sich langsam und allmählich zu ihrer heutigen Erscheinungsform entwickelt habe, der Jude, der der Ueberzeugung lebt, daß die Gesetzgebung am Berge Sinai und die Lehre der Bibel das Erzeugnis eines religiösen Genies (oder mehrerer) ist, daß der kausale Zusammenhang alles Geschehens nie und nirgends durchbrochen ward, der Jude, der die rituellen Vorschriften nur zum Teil oder garnicht beobachtet, er kann trotz alledem doch ein guter, wahrer, frommer Jude sein. Denn das Judentum ist seinem innersten Wesen und seinem Ursprung nach eine „Idee", eine Idee, die jenseits aller verstandesmäßigen Erfahrungsmöglichkeit liegt, die mit Logik und Wissenschaft nicht zu begründen und nicht zu widerlegen ist, die von jedem Einzelnen unmittelbar erfaßt und erlebt werden muß: es ist die Idee des Sittlichen! Jude ist, wer die unerschütterliche Gewißheit in sich trägt, daß die die äußere Welt der Sinne und die innere Welt der Seele begründende, im „Kosmos" und im „Ich" sich gleichermaßen offenbarende Macht eine „ein und einzige" und zwar eine „sittliche" Macht ist. Jude ist, wer sichzudieser Idee bekennt mit ganzer Seele und mit ganzem vermögen. Jude ist, wer gewillt ist, dieser Idee zu leben und zu st erben, sie in seinem Dasein zu verwirklichen, an seinem Teil mitzuarbeiten, daß sie sich erhalte über die Jahrtausende und einst sich verbreite unter allen Menschen auf dem ganzen Erdenrund. Dagegen sei es einem jeden freigegeben, diese Idee für sich selbst und für andre anschaulich und begrifflich zu gestalten, wie immer er es mag und kann. In jeder einzelnen menschlichen Persönlichkeit wird je nach ihren Einlagen und Neigungen ein ganz individuelles, andern wohl ähnliches, niemals aber genau gleiches Bild einer und derselben Idee entstehen. Das ist, wenn nicht das Judentum der Vergangenheit und Gegenwart, — wir alle hoffen es aus tiefster Seele — das Judentum der Zukunft, das liberale Iud entum! Zu seinen Tempeln können alle pilgern, welch wissenschaftliche, künstlerische, philosophische Anschauungen sie immer sich errungen; alle Verschiedenheit und Trennung im Einzelnen wird ausgeglichen, ja mehr als aufgewogen durch die verbindende Kraft der in allen lebendigen, sie von innen einenden Idee. Nur eine einzige Weltanschauung ist ausgeschlossen von diesem Tempel, ist ewig unvereinbar mit unserm so begriffenen Judentum: Das ist die Weltanschauung der Materialisten, die soweit sie ihrer grundlegenden Voraussetzung konsequent, sich selbst getreu bleiben — gar viele nämlich sind das nicht — das Wesen der Welt im Materiellen sehen, nur Wirklichkeit, nicht werte kennen, die das Sein einer menschlichem Forschen und wissen ewig ver-