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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 11 (1909) · p. Seite 250

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
11 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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250 Ar. wed. Walther Faqurur: Mas bedeutet das liberale Judentum die ihren Gliedern in allem Denken und Forschen uneingeschränkte Freiheit gewährt und doch von innen sie zur Einheit fest zusammenschließt?" so werden wir fetzt mit einem lauten, überzeugungskräftigen „Ja" antworten. Diesen Bedingungen genügt jede Glaubensgemeinschaft, deren Wesen eine „Idee" ist, die allen ihren Bekennern es ermöglicht, diese Idee aus innerstem Gemüt freudig zu besahen, in allen durch und für den Verstand geschaffenen Normen und Formen aber äußere, nebensächliche, unwesentliche Zutaten zu sehen. Daß solche, die Idee zum Ausdruck bringende, anschauliche und begriffliche Symbole unumgänglich notwendig sind, steht außer allem Zweifel; nur müssen sie stets als solche, als Rlittel und Werkzeuge im Dienste der Idee gewertet werden, nie und ninnner aber dürfen sie sich zum Selbstzweck emporheben, nie und nimmer eine das Denken und handeln bindende Kraft erlangen. Und wenn wir nun nicht nach der theoretischen Möglichkeit, sondern nach dem tatsächlichen Vorhandensein einer solchen Gemeinschaft fragen, so werden wir nach dem, was uns Vergangenheit und Gegenwart lehrten, zwar offen bekennen müssen: Nein, keine der zur Zeit bestehenden großen Konfessionen entspricht obigen Voraussetzungen, und keine kann daher unserer nach Verinnerlichung und Beseelung ringenden, nach Religion sich sehnenden, von der Kirche aber fortstrebenden Zeit Genüge leisten. Wohl aber, so werden wir sogleich hinzufügen, gibt es eine Glaubensgenleinschaft, die durch innere Befestigung und Vertiefung der ihr zu Grunde liegenden Idee und gleichzeitige Umbildung und Ausgestaltung der diese bergenden Schale sich in jedem Augenblick aus sich selbst zu der im oben bezeichneten Sinne „Ideal-Religion" zu entwickeln vermag, wie wir sie alle als tiefempfundenes Bedürfnis für Gegenwart und Zukunft herbeisehnen: Und dieseGlaubensgemeinschaftistdas Judentum! Es ist hier nicht der Grt und ginge weit über den Rahmen meines Vorhabens und Könnens hinaus, fachwissenschaftlich, historisch - theologisch die charakteristischen Unterschiede zwischen dem Judentum und den andern großen Bekenntnissen, besonders dem Christentums zu untersuchen. Jeder Laie aber ist sich wohl selbst bei oberflächlichster Kenntnis der einschlägigen Fragen ohne Zweifel darüber klar, daß das Christentum, auch das modernste, liberalste Christentum, seinem innersten eigentlichsten Wesen nach keine „Idee" sondern ein „Dogma" ist. Wer die Göttlichkeit der zugleich menschlichen Persönlichkeit Jesu und damit alle aus dieser Voraussetzung fließenden Konsequenzen nicht anerkennt, der ist eben kein Christ mehr im Sinne des Christentums, er mag den Namen äußerlich weiter führen oder nicht. Natürlich gibt es noch eine ganze Reihe integrierender Bestandteile des Christentums, die gegen die für das Wesen einer Idealreligion unerläßlichen Voraussetzungen verstoßen, weil sie Denken und handeln in ganz bestimmte Bahnen zwingen, so die Lehre von der Vermittelung durch den Sohn, von der Erbsünde, vom Lseil durch den Glauben u. a. m. Doch ich muß mir, wie schon gesagt, ein näheres Eingehen auf diesen Gegenstand versagen. Ja, so wird man mir nun aber sicherlich einwenden, ist denn beim Judentum nicht ganz das Gleiche der Fall? Setzt die Zugehörigkeit zum Judentum nicht den Glauben voraus, daß Gott die Welt in sechs Tagen aus dem Nichts geschaffen, daß Moses die zehn Gebote und alle andern Regeln und Gesetze unmittelbar von Gott selbst erhalten habe? Ist mit dem jüdischen Bekenntnis nicht die Ausübung und

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