Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 11 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. rned. Walther Laqurur: Mas bedeutet das liberale Judentum 249 herrliche Krone voll und segenspendend zu entfalten. diesem Jahre feiern wir den hundertjährigen Geburtstag Lharles Darwins, zugleich den fünfzigsten des Darwinismus; denn J859 erschien zuerst das Lebenswerk des großen Briten „Die Lntstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl". Die Tat Darwins liegt durchaus auf botanischem und zoologischem Gebiete. Er lehrte uns eine ungeheure Fülle bisher unzusammenhängender, zum Teil unverständlicher empirischer Tatsachen aus allen Zweigen der Biologie, der Anatomie, Physiologie, Embryologie, Paläontologie, der Tier- und Pflanzengeographie u. a. m. aus einem einheitlichen Gesichtspunkt, aus einer Idee heraus erfassen und begreifen. Vom speziell naturwissenschaftlichen Standpunkt ohne allen Zweifel eine höchst verdienstvolle Tat von allergrößter Tragweite. Auf ganz andrem Felde aber und ungleich tiefer liegt ihre unvergängliche Bedeutung für die gesamte menschliche Kultur. Jetzt erst hat sich der Entwickelungsgedanke die ihm gebührende Stellung im menschlichen Denken erobert, seine Macht und Herrschaft auf alle Gebiete der Erfahrung erstreckt und unerschütterlich begründet. Wie die bisher für absolut konstant gehaltenen Tier- und Pflanzenarten ihrer Unveränderlichkeit entkleidet wurden, ihr Sein als ein in ewigem Fluß befindliches Werden begriffen ward, so sollte allmählich das gesamte Weltbild eine durchgreifende Wandlung durch die siegende Kraft des Entwickelungsgedankens erfahren. Unter den von ihm ausgehenden Strahlen wurde das Härteste weich, das Sprödeste biegsam, das Schwerste leicht und das Starreste beweglich. Daß aber die solchermaßen in Fluß gebrachte Welt sich nicht ganz verflüchtigte, daß nicht wie. einst in den Zeiten des protagoras und seiner Schule alles sich auflöste in wogenden, wallenden Dunst und Nebel, daß nicht wiederum „der Mensch zum Maß aller Dinge" wurde, dafür ward in unserer Zeit gesorgt durch die gleichzeitig mit dem Entwickelungsgedanken siegreich sich mehr und mehr durchsetzende Macht des erkenntniskritischen Gedankens. Was Plato bereits ahnend geschaut und Kant unwiderleglich begründet, jetzt erst beginnt es Allgemeingut der Menschheit, Grundlage und Wegweiser einer neuen Kultur zu werden: Ewig, unwandelbar in zeit- und raumlosem Sein sind die „Ideen"; in stetigem Wechsel und unablässiger Entwickelung werden alle ihre „L r s ch e i n u n g e n". Letztere allein sind unserm Verstand, der Erfahrung und Wissenschaft zugänglich; die jenseits aller Erfahrungsmöglichkeit liegende, menschlichem Wissen unerreichbare „Idee", sie muß im Innersten der Menschenseele unmittelbar erschaut, gefühlt, erlebt werden. Mit dieser Einsicht, die immer mehr zum unveräußerlichen Besitztum aller denkenden Menschen werden muß, haben wir allererst eine Möglichkeit gewonnen, das Problem: „Religion und Kirche" in befriedigendem Sinne zu lösen. Hier halten wir ein treffliches Regulativ für das Verhältnis beider irr Händen, ein Korrektiv gegen die Vergewaltigung der Religion durch die Kirche: Religion, die ewige, unzerstörbare Idee, Kirche deren wandelbare, der Entwickelung unterworfene Erscheinung. Wenn wir von diesem Gipfelpunkt kritischer Besinnung, zu dem uns Kants gewaltiger Geist den sichern Weg gewiesen, nach dessen zwar mühseliger aber auch unendlich lohnender Erklimmung ein gänzlich neues, nach außen wohl umgrenztes, nach innen unermeßlich tiefes Weltbild sich uns öffnet, wenn wir hier unsere Frage wiederholen: „Kann es eine Gemeinschaft geben,