Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 11 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Ar. med. Walther Faqueur: Mas bedeutet das liberale Judentum auf immer weitere Kreise des Lebens, auf Schule und Haus, auf Handel und Wandel, auf Kunst und Wissenschaft erstreckt sich ihr wirken und Einfluß. was aber ist dabei aus der dem ganzen stolzen Bau zu Grunde liegenden religiösen Zdee geworden? Zurückgedrängt und halb vergessen, oder verzerrt, von allerlei fremdartigem Beiwerk umrankt und überwuchert, entstellt bis zur Unkenntlichkeit, ist sie nicht mehr Herrin und Königin im eignen Reich, sondern Sklavin fremder Zwecke im Dienste der Kirche oder andrer mit dieser verbundener sozialer Wesen, wie Staat oder Gesellschaft. Längst ist der Umbildungsprozeß beendet, durch den die ursprünglichen religiösen Vorstellungen Einzelner von lediglich symbolischer, schwebender Bedeutung zu festen, scharf umrissenen, absolute Unterwerfung aller heischenden, kirchlichen Dogmen geworden sind. Die im Anfang von einigen Wenigen freiwillig und freudig geübte Befolgung gewisser äußerer, aber von innerer Begeisterung getragener Formen und Gebräuche wird, durch die Kirche erzwungen, bei der Masse zu geist- und seelenlosem Tun; bei den sogenannten Gebildeten werden Dogmen und Zeremonien als unerträgliche Bevormundung der persönlichen Freiheit im Denken und Handeln immer schwerer und bittrer empfunden. Erst leise und heimlich, dann laut offen regt sich der widerstand gegen tote Formeln und Satzungen; es bilden sich Parteien und Sekten, bis schließlich das mehr und mehr gelockerte Band der kirchlichen Gemeinschaft vollends zerrissen und gesprengt wird. Die geschichtliche Entwickelung des Judentums hat nie zur Ausbildung einer eigentlichen Kirchenherrschaft, einer priesterlichen Hierarchie geführt, und niemals ist das Judentum zu einer äußeren glänzenden Machtstellung gelangt; daher ist es auch von den schlimmsten Entstellungen der ihm zu Grunde liegenden religiösen Zdee verschont geblieben. Und nichts destoweniger haben sich auch innerhalb des Judentums solch kirchenfeindliche Bestrebungen geltend gemacht und grade in letzter Zeit besonders in den geistig und kulturell höher stehenden Schichten erheblichen Umfang angenommen. Fürwahr, ein trauriges und entmutigendes Ergebnis, zu dem uns rückschauende Betrachtung der Vergangenheit und prüfende Beobachtung der Gegenwart geführt hat; ja hoffnungslos müßte es genannt werden, wenn diese Wege der Belehrung die einzigen uns zugänglichen und bedeutsamen wären. Das aber sind sie nicht, es gibt noch eine andre klar sprudelnde Quelle der Erkenntnis, aus der wir Mut und Zuversicht zugleich mit segensreicher Anregung zu schöpfen vermögen. Auf schmalem Grenzland, wo naturwissenschaftliches und philosophisches Denken sich wechselseitig befruchtend Zusammentreffen, liegt der Schacht, an dessen Erbohrung, Fassung und Vertiefung eine unendlich lange, über Jahrtausende reichende Kette genialster Geister gearbeitet hat. Die Quelle ist der Entwickelungsgedanke, weit zurück in dunkle Vorzeit bis zu den ersten Anfängen metaphysischen Denkens reichen die wurzeln dieses echten Baumes der Erkenntnis; schon frühe ist gar manches kräftige Reis, das Denken Heraklits z. B., seinem Stamm entsprossen; an allen Zweigen und Trieben keimend und knospend, in vollster Lebenskraft und Frische sieht ihn die sommerliche Blüte des Hellenismus. Sodann in langer mittelalterlicher Wintersnacht kahl und entlaubt, ein Bild des todverwandten Schlafes, bedeckt er sich in jüngerer Zeit aufs neue wiederum mit frischem Grün, um endlich nun im letzten Jahrhundert in prangendem Blütenschmuck und befruchtender Reife seine