Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1909-01-01 · 11 (1909) · p. Seite 247

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
11 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126482-3126494--0264-3127036
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ar. rnrd. Muttster Faqueur: Mas bedeutet das liberale Judentum 247 Gut des Menschen, das unmittelbar und lebenswarm empfundene Verhältnis des eignen „Ich" zum Ganzen der umgebenden Welt; Kirche — ein soziales Gebilde, das Denken und handeln Vieler in starre, tote Form von Dogmen und Gebräuchen zwängt; kann es wohl etwas Widerspruchsvolleres, Gegensätzlicheres geben als diese zwei ideellen Wesenheiten? In der Tat, wenn wir unter Religion unser individuelles, zunächst mit dem Gefühl erfaßtes, erst später durch die Vernunft begrifflich formuliertes Verhältnis zur lvelt verstehen, und wenn wir mit geistigem Auge die Formen und Gestaltungen überschauen, unter denen das kirchliche Prinzip im Laufe der Weltgeschichte bisher ausgetreten ist, so werden wir vielleicht das Paradoxon nicht mehr so ganz unberechtigt finden: Für einen modernen religiösen Menschen ist kein Raum in einer Kirche oder sagen wir hier in einer bestimmten Konfession. Nicht gering ist die Zahl derer, die sich von allen konfessionellen Einrichtungen, von federn dogmatischen oder rituellen Zwange, wie immer geartet er sei, abgestoßen fühlen, trotzdem oder vielleicht grade weil sie von Grund aus religiös sind, die da wähnen, sie müßten ihrer allgemeinen wissenschaftlichen oder philosophischen Anschauungen wegen aus der angestammten Glaubensgemeinschaft aus scheiden. Für sie alle, die Freidenker, Dissidenten, Freireligiösen oder wie sonst sie sich nennen mögen, die meinen, daß für sie mit ihrer Weltanschauung in einer Kirche respektive in einer bestimmten Konfession kein Platz sei, für diese alle gilt es Raum zu schaffen. Das die Glaubensgemeinschaft bergende Haus muß so eingerichtet und ausgestaltet werden, daß alle Insassen in ihm sich heimisch und geborgen fühlen können. Ich sage „es muß"; ist diese Forderung aber überhaupt erfüllbar? Diese Frage gilt es in erster Reihe zu prüfen. Mit andern Worten, kann es überhaupt eine Glaubensgemeinschaft geben, die den Bekennern aller verschiedenen, theoretisch denkbaren Weltanschauungen freiesten Spielraum und vollste Entfaltungsmöglichkeit gewährt und dennoch sie alle mit einigendem Bande umschließt? Die Geschichte beantwortet diese Frage mit einem entschiedenen Nein. Wenigstens spielt sich vor unserm rückwärts gewandten Auge zu allen Zeiten und allerorten das gleiche Schauspiel in derselben szenischen Folge ab. Zuerst allgemeine, schwankende religiöse Gefühle und Vorstellungen, entweder der schöpferischen Intuition eines einzelnen religiösen Genies entsprossen oder in einer räumlich zusammenhängenden größeren oder kleineren menschlichen Gemeinschaft allmählich herangereift. Sodann langsame Befestigung und Verdichtung der religiösen Stimmung zu einer ganz bestimmten innern Richtung; äußere Verbreitung und innere Vertiefung unter Ausprägung gewisser symbolischer Begriffe und Formen, die nach und nach besonders im Kampf mit feindlicher Umgebung, oft unter Leiden und Verfolgungen immer größere Macht und Kraft gewinnen, einen immer engeren Zusammenschluß der neuen Glaubensgemeinschaft herbeiführen, bis diese, innerlich genügend erstarkt, von der Verteidigung zum Angriff schreitet und nun entweder untergeht oder sich eine dauernde Machtstellung erobert. Aus der innerlichen, der Gefühlswelt eines Einzigen oder einiger Weniger entsprungenen Religion ist eine das Empfinden, Denken und handeln einer Allgemeinheit beherrschende äußerliche Kirche geworden, hochragend und fest steht ihr Gerüst gezimmert, und emsig und geschäftig sind ihre Diener am Weiterbauen; immer fester und enger zieht sie ihre Bekenner mit Leib und Seele in ihren Bann,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.