Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 11 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126482-3126494--0263-3127035- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
246 Ar. rrrrd. Walther Laqueur: Mas bedeutet das liberale Judentum 0 0 0 Q Was bedeutet das liberale Judentum für untere Zeit? Von Dr. med. Walther £aqueur-Bad €ms. n. n meinen früheren Ausführungen war ich bemüht, soweit dies im Rahmen eines einzelnen Aufsatzes möglich ist, die seelische Lage der Gegenwart mit kurzen, knappen Strichen zu zeichnen, zu zeigen, in welcher Not wir uns befinden, woran wir kranken und von welcher Seite allein uns Hilfe und Rettung kommen könne. Wir erkannten als das Grundübel, unter dein das gesamte kulturelle Leben der Gegenwart und mit ihm das Judentum schwer leidet, den auf dem Boden eines meist mißverstandenen wissenschaftlichen Materialismus erwachsenen Indifferentismus weiter Kreise, besonders innerhalb der Heranwachsenden Jugend gegenüber allen ideellen, innern Werten des Lebens. Wir fanden ferner, daß dem immer stärkeren Umsichgreifen einer solch äußerlichen materialistischen Gesinnung nicht mit Waffen der Wissenschaft, nicht mit Mitteln der Kunst, sondern einzig und allein von religiösem Boden aus wirksam und erfolgreich begegnet werden könne. Wohlverstanden, vom religiösen Boden, nicht aber vom kirchlichen! Mit dieser Gegenüberstellung bin ich mitten in meinem heutigen Thema: Der näheren Erläuterung und Begründung des am Schlüsse meines ersten Aufsatzes ausgesprochenen Gedankens: „Grade dem Judentum und zwar nur dem liberalen Judentum falle die führende Rolle in dem Kampfe zu, der auf allen Kulturgebieten gegen ethischen Materialismus und Indifferentismus gekämpft wird." Religion und Kirche! Lin gewaltiges, uraltes Menschheitsxroblem! Welch unerschöpfliche Fülle von Lösungen oder vielmehr Lösungsversuchen hat doch die Weltgeschichte im Laufe der wenigen Jahrtausende, die wir historisch zu überschauen vermögen, gezeitigt. Sie alle pendeln zwischen den beiden äußersten Extremen hin und her: Religion und Kirche sind identisch, und: Religion und Kirche sind diametrale Gegensätze. Mit der Ausbildung der erfteren Ansicht hat sich die Menschheit eine furchtbare Geißel geschmiedet, mit der sie sich immer wieder selbst zerfleischt, sich gräßlich verstümmelt und schändet. Unter dem Banner der Religion und Kirche gleichsetzenden Lehre wurden die mörderischsten Kriege geführt, die blutigsten Schlachten geschlagen. Zu ihrem Ruhm und s)reis lohten die Gluten der lebenden Fackeln in den neronischen Gärten zum nächtlichen Himmel, loderten die von der heiligen Inquisition entflammten menschlichen Feuersäulen empor. Dieser Lehre Jünger waren es, die Sokrates den Schierling reichten und 2000 Jahre darauf Giordano Bruno an den Marterpfahl ketteten. Auf dem Boden dieser Lehre wurden die Bacillen des Wahnes, der Unduldsamkeit, des Menschen- und Völkerhasses künstlich gezüchtet und genährt, die unendlich viel grausamer und verheerender unter der Menschheit wüteten als die wirklichen Erreger der schlimmsten Volksseuchen. Die andre extreme Anschauung, nach der Religion und Kirche unvereinbare Gegensätze sind, ist jüngerer Herkunft; sie entstand erst als äußerste Reaktion gegen die im Namen der „allein seligmachenden Kirche" — hier ist aber nicht nur die katholische gemeint — ausgeübte, unerträglich gewordene geistige Knechtung, und nur in deren Bekämpfung liegen die Wurzeln ihrer Kraft und ihres Wachstums. Religion — das persönlichste, intimste