Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1909-01-01 · 10 (1909) · p. Seite 238

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
10 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 238 (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3126481-3126482-3126493--0254-3127025
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

238 Süchrrschau hörige ist der Sklave des Willens seines Herren. Nur der Freie kann wollen. Nur ein erlösender Stolz, ein befreiender Wille kann uns Juden retten aus der verwirrenden Zerstreuung, aus Nichtachtung und Zurücksetzung. Das Minimum ist: allen Anfeindungen, jedem Uerabwürdigen des jüdischen Banners Trotz zu bieten, durch seine ganze Lebensführung die Vorurteile seiner Abstammung zu zerstreuen, die jüdisch-menschliche Moral vorzuleben, Zeit seines Lebens für die vollgiltige Existenzberechtigung der jüdischen Religionsgemeinschaft einzutreten, nicht ängstlich tastend, ohne überlegene Pose, sich selbst als Opfer zu setzen. — Darin besteht jener integrierende Bestandteil, welcher den Grundzug jedes „Juden" ausmacht, beziehungsausmachen soll. LückertcKau. Gesammelte Schriften Emil Fehmanns, angezeigt von Professor Dr. Philippson- Berlin. Es ist eine wehmütige Freude, die Schriften lieber und verehrter Freunde, die uns längst durch den Tod entrissen sind, wieder zu durchblättern, in den ewig jungen Druckzeilen den Geist der Dahingeschiedenen sich von neuem offenbaren zu sehen. Zum zweiten Riale ist uns einer der trefflichsten unter unseren Vorkämpfern, ist Lmil Lehmann wieder anferstanden in der neuen Auflage seiner „Gesammelten Schriften" (Dresden, T. weiske, $09)- ^ie sind wie ein panier, wie ein Programm aller liberalen Elemente im deutschen Judentum. Aus ihnen spricht die lautere, begeisterte, geisterfüllte Persönlichkeit des seltenen Mannes in deutlichen und hinreißenden Tönen. Emil Lehmann war ein echt religiöser Mensch, ein überzeugter Anhänger gerade der positiven Religion, von der Wahrheit und dem edlen Sittlichkeitsgehalt des Judentums tief durchdrungen. Aber gerade deshalb erschien ihm dessen äußeres Gewand, das Zeremonienwesen, als etwas vergängliches, den wechselnden Zeitanschauungen und Zeitbedürfnissen angepaßtes. Sobald es mit dem Empfinden der Gegenwart und mit dem Volkstum, in dessen ZTtittc sich die Juden befinden, nicht mehr harmoniere, könne und müsse es umgestaltet werden. Durch die unwesentliche und vergängliche äußere Schale dürfe nicht der ewig gültige Kern geschädigt werden. Lehre und Sittlichkeit, das sind die beiden Grundpfeiler des Judentums. Keineswegs schätzt Lehmann die Vergangenheit der jüdischen Gemeinschaft gering ein; sich mit ihr zu beschäftigen, sie kennen, begreifen, würdigen zu lernen, stellt er vielmehr als eine der vornehmsten Aufgaben jedes Israeliten hin. Er eifert lebhaft gegen die Mißachtung und Unkenntnis des jüdischen Schrifttums, aus denen der verwerfliche und gefährliche Indifferentismus gegen das Judentum erwachse. Aber die Vergangenheit darf die Gegenwart nicht erdrücken. Nur die aus jener erwachsende, aber zeitgemäße Umgestaltung des Judentums kann diesem die Herzen seiner Bekenner und die Achtung des deutschen Volkes dauernd gewinnen. Mit Schärfe wendet sich Lehmann gegen das leichtfertige Taufen: „erstens, weil der Uebertritt von einer Religion zur anderen nur dann ehrenhaft und anständig ist, wenn der Uebertretende von der überwiegenden Trefflichkeit der neuen Religion nicht nur, sondern auch von der Minderwertigkeit der alten überzeugt ist; zweitens weil der Uebertritt ohne solche Ueberzeugung frivol, heuch- | lerisch, feig, entwürdigend, meineidig, xietät-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.