Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 10 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 237 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Krrms Grietzwann: Mer ist rin Jude? 237 Konfession. Bei der Heerschau irn jüdischen Lager kommt es selbstverständlich weniger aus das numerische Verhältnis an, als aus den moralischen willen, der schon den Einzelnen durchdringt, und der sich in der Gesamtheit als große, hinreißende Leidenschaft ausdrückt. Die Frage: Bin ich ein Jude? ist für das Individuum von heute nicht mehr lediglich eine Frage des Verstandes. Unserem Herzen fällt hier die letzte Entscheidung anheim. An einen jeden von uns, der Tiefe besitzt, tritt einmal in ernster Stunde die ganze jüdische Gemeinde gleichsam in einer Person heran und fragt: „Willst du oder willst du nicht?" In der vollständigen Beantwortung dieser Frage liegt schon eine sittlich-religiöse Tat an sich. Mit dem heiligen Iasagen hat man sich dann dem, „moralischen Iudenstaat" verpfändet. Von der „allgemeinen Verbrüderung der zivilisierten Menschen", wie diese Herr Julius Lamm austränmt, sind wir noch ganz, unendlich weit entfernt. So weit, daß ich dergleichen überhaupt nicht als Endergebnis der etwa übereinstimmend-befriedigend gelösten Grundfrage nach dem Minimum dessen, was ein Individuum zum Juden stempelt, hinstellen möchte. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß dieses Ideal letzter: Endes nur ein Scheinwert ist. Jede Entwicklung äußert sich in Differenzierung und Integration. Die Differenzierung des jüdischen Individuums erstreckt sich vor allem auf die innere Bewegungsfreiheit. Die Integration muß demnach jenes wesentliche Minimum darstellen, welches die Beziehungen zwischen der einzelnen, selbstständigen Persönlichkeit und dem Gesamtkörper aller Juden reguliert. Jene äußerliche Beschränkung, die den Einzelnen grade noch als zum Judentum gehörig kennzeichnet. Ich glaube wirklich, daß jeder echt modern denkende und fühlende Mensch (wenn modern gleichbedeutend ist mit: auf der Höhe des Zeitgeistes stehen) die Toleranzforderung an höchster Stelle hochhält und anerkennt. Nichts aber ist verfehlter, irriger als die Meinung, gegen Intoleranz ebenfalls tolerant fein zu müssen. Intoleranz ist etwas wirkendes, Tätiges, etwas Aktives, dem nur wiederum durch gegenstrebende Kräfte, durch entgegengesetzt gerichtete Tätigkeit gesteuert und abgeholfen werden kann. was also macht den Juden aus? Nicht der Schein (regelmäßige Bezahlung der Gemeindeumlagen ist es gewiß nicht), nicht Krustenveränderung, nicht grob sinnliche Merkmale, wie etwa die Beschneidung. (Denn diese dünkt mir als Kriterium zu exklusiv und ich vermag nicht einzusehen, warum Herr Lamm mit seiner Ansicht nicht klar und unverschleiert herausrückt.) Keine übermäßige oder sonstige, gar noch gedankenlose Befolgung vorgeschriebener Zeremonien. Sondern einzig der Wille zur Tat. Restloser Mannestrotz ohne weinerliche Halbheit, ohne trübselig-feigen Ausgleich. Ein stilvolleren sich gefestigter Charakter in dem Punkte, wo es heißt, feindlichen, meist falschen Vorurteilen kämpfend entgegenzutreten. Gemeinsame Verteidigung seiner Abstammung schweißt den Einzelnen an das Ganze. Daneben ergibt sich von selbst der praktische Vorteil, daß viele Juden das Ansehen ihres ganzen Stammes ungemein fördern könnten, wenn sie offen und ohne Rückhalt ihr Judentum bekennen, wenn sie sich zu wollenden, handelnden Persönlichkeiten vollenden würden, wenn sie auf die „lobenden" Worte: „Du bist ein Christ! Ein besserer Christ war nie!" die entsprechende Antwort nicht stunden würden. Der Jude muß auf seinen alten Adel mit mehr Stolz weisen! Auf sein ehrwürdiges Wappenschild, das ihm kein Gegner entreißen, kein Flecken schwärzen konnte. Der