Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 10 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Küchrrscharr 239 los und geschichtswidrig ist, insofern der Uebertretende den geistigen und seelischen Zusammenhang mit seinen Ahnen und seinen Leidensgenossen löst" (5. 6). Er fordert dagegen von seinen Gesinnungsgenossen die volle Würdigung unserer orthodoxen Brüder, ihrer Einsichten und Gefühle, die man achten und vor jeder hochmütigen Geringschätzung schützen müsse. Nur den Heuchler solle man meiden, die fromme Selbstgenügsamkeit aber ehren. So viele Begeisterung für das Judentum, so feines, edles Wesen, so große wahrhaft religiöse Gerechtigkeit erkannten an ihm auch seine orthodoxen Gegner an. Sie haben das nach seinem Lsinscheiden nachdrücklich ausgesprochen. Eines seiner größten Verdienste war die Begründung des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes im Jahre ^869, bei dessen der gesamten Kultur, Wohlfahrt und Religiosität innerhalb des deutschen Judentums gewidmeter Tätigkeit sich ja Liberale und Konservative einträchtig zusanunenfinden. Aus dem reichen Inhalte des Buches, das in der Tat ein Vademecum für jeden deutschen Juden sein sollte, heben wir nur einzelnes heraus. So den tief empfundenen, von inniger Frömmigkeit und edeler Gesinnung getragenen Aufsatz „An meinen Sohn zur Barmizwah" (S. 36 ff.), dem sich ein von gleichen Gefühlen eingegebenes Gedicht (S. 307 ff.) anreiht. Lehmann greift immer wieder in die Vergangenheit der jüdischen Gemeinschaft zurück, in Abhandlungen, die ebenso gründlich durchgearbeitet, wie geistvoll abgefaßt sind, mit eindrucksvoller Darstellung reinen, schönen, sorgfältig gefeilten Stil verbinden. Daran schließen sich Artikel, die die Aufgaben der heutigen „Deutschen jüdischen Herkunft" erörtern und stellen, und die darin gipfeln, daß jene zugleich überzeugte Juden und deutsche Patrioten sein sollen, mit allen Pflichten, die dieser gedoppelten Eigenschaft inne wohnen und sich aus ihr ergeben. Lehmann ist ein zweiter Rießer, aber — wenn wir nicht irren — mit tieferer Durchdringung und Auffassung des Wesens des Judentums. Ein Meisterstück der in schönster Weise verstandenen Abwehr ist der „Offene Brief an Professor paulsen" (S. 275 ff.): er ist entschiede::, selbstbewußt, eindringlich und doch stets von versöhnlichem Geiste erfüllt und in achtungsvoller Form gehalten. So mögen Emil Lehmanns „Gesammelte Schriften", die verdienstvolle Pietät uns in volkstümlichem Gewände von neuem schenkt, weiter wirken im Sinne der liberal aufgefaßten und eben deshalb unvergänglichen Religion unserer Väter, der wahren Weltreligion. -k- Die Verlagsbuchhandlung versendet einen Prospekt, in dem es u. a. heißt: „Wie aus dem Inhaltsverzeichnis hervorgeht, handelt es sich um eine Volksausgabe der von Emil Lehmann, dem bekannten Vorkämpfer für die Gleichstellung der Juden, verfaßten Schriftwerke, die gewissermaßen eine Geschichte der Emanzipation der Juden, ferner glänzend geschriebene Verteidigungsschriften gegen antisemitische Angriffe und für den Historiker wichtige Aufsätze enthalten, die jeder unparteiisch denkende Mensch mit großem Interesse lesen wird. Die Schriften, die eine glühende Liebe des leider zu früh verstorbenen Verfassers für sein deutsches Vaterland erkennen lassen, werden ganz besonders diejenigen Leser interessieren, die einer Weiterentwickelung unserer Religion Verständnis entgegenbringen. Im 2. Teil ist eine Reihe von Gedichten zum Abdruck gekommen, die zeigen daß der Verfasser seinen idealen, hohen Ge-