Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 10 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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286 Bruns Grretzmann: Mer ist ein Jude? jahrstage vor dem Schofarblasen eine neue Frucht in die Synagoge bringt, um darüber das Dankgebet für die neue Jahreszeit zu sprechen, weil man nicht recht weiß, ob man den lieben Gott ehrt oder beleidigt, wenn man o h n e die neue Frucht das übliche Dankgebet LeKsKsolisjoiui hersagt. Desgleichen ist das Umbinden des Taschentuchs am Sabbat, weil man es sonst aus der Straße nicht tragen darf, oder der Scheinverkaus von Gesäuertem und dergleichen am Vorabend des pesach an eine Mietsfrau und eine ganze Menge ähnlicher „juristischer Rniffe" nichts als ein poffenfptel, eine Verhöhnung statt einer Verherrlichung der Religion. Solche Umgehung des Gesetzes kann nur wahrer Frömmigkeit schaden, den Geist der Sittlichkeit verletzen. So kommt denn Lazarus schließlich zu dem Schlußsatz, daß nicht die äußerliche Gesetzlichkeit, das von Iesaiah als „anerlernte Menschensatzung" bezeichnete Formenwesen, sondern das Gewissen die letzte entscheidende Macht ist. „Es sei denn, daß ein Gesetz im Geiste ersaßt, in seiner Bedeutung erkannt wird, daß das Gemüt von seinem Zwecke ergriffen, das Gewissen erweckt ist, sonst ist alle Erfüllung des Gesetzes null und nichtig." Darum muß „Fortbildung, Entwicklung, Neugestaltung des Judentums" das Losungswort sein. Verfluchen werden die Zeloten den edlen Toten, der hier zum Rampfe ruft; widerlegen können sie ihn nicht. — An den mächtigen Gefällen des Niagara stauten dieser Tage gewaltige Eismassen in solcher Festigkeit auf, daß der erstarrte Riesenstrom mit dem bevorstehenden Zerbrechen seiner Fesseln die ganze Umgegend weit und breit zu verwüsten drohte, und die Gefahr wurde nur dadurch abgewendet, daß man mit zentnerschweren Dynamitgeschossen die Eismassen sprengte und dem Strome freien Laus bahnte. So muß die dichte Eisdecke, die seit Jahrhunderten aus dem Gesetze lagert und das Judentum in einen Zustand vollkommener Erstarrung gebracht, mit den Massen geschichtlicher Forschung gesprengt und das zu toten Formen Erstarrte wieder in Fluß gebracht werden, um dem gesunden Fortschritt die Bahn zu brechen. Das ist die Aufgabe, die sich die liberale Bewegung zu stellen hat. Liberalismus ist ein schönes Mort, aber an sich farblos und verschwommen. Aus Flugsand läßt sich kein Gebäude aussühren. Nur mit festen, klaren Prinzipien läßt sich Gedeihliches auf die Dauer schaffen. Darum sei uns der aus dem Reiche des Schweigens noch einmal zu uns sprechende Lazarus als Herold und Führer willkommen geheißen. Wer ist ein Jude? Von Bruno Griefjmann-nürnberg. iese Frage hat Herr Julius Lamm-Antwerpen in Nr. 8 dieser Monatsschrift zur Diskussion gestellt. Ich bedauere nur, daß er versäumte, gleich seine eigene Meinung darüber kund zu tun. Denn der hoffnungsvoll - zuversichtliche Ausblick vom Standpunkt des gelösten Problems aus, ersetzt eine Beantwortung in keiner Meise. Für einen Menschen unserer Tage ist die Eigenschaft: Jude zu sein, unabhängig von der Geographie und der Geburt. Im Durchschnitt ist sie die Sache wahrer, selbstbewußter, innerer Freiheit. Unser gutes Recht ist es: uns dagegen zu wehren oder sie durchzusetzen. Der Ruf: Mer ist ein Jude? ertönt heute erhoben und allseitig aus der Reihe der Gesamtheit aller Angehörigen jüdischer