Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 10 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Köhler: Eine Prophetenstimme aus dem Grade 233 nichts übel aufnehmen, wenn ich — chass w'scholom! — sollte zu viel geredet oder sonst gefehlt haben, denn kein Druckwerk ist ohne Fehler. Und wer mich zum Guten beurteilt, den möge also Gott beurteilen, und er möge uns jene Zeit erleben lassen, in welcher man Israels Fehler sucht und nicht findet, und allen Rindern Israels soll vergeben sein. Amen. Selah." qsk * wie Ahron ben Samuel vorausgesehen hatte, fanden seine Bestrebungen kein Verständnis. Uebereifrige Rabbiner taten sein Buch in Bann, umsomehr, als er ihnen in der besagten Einleitung eine vernünftigere religiöse Unterweisung der jüdischen Jugend zur Pflicht gemacht hatte. Zufolge einer Mitteilung Formstechers (zu dessen Rabbinatssxrengel hergers- Hausen gehörte) an Leopold Stein, lagerten hundert Jahre nach dem Erscheinen der „Lieblichen Tefilla" noch Tausende von Exemplaren davon auf den Schulböden der Gemeinden hergershausen und Oberroden; später wurden sie, als mit dem Banne belegt, vergraben. Erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts fand das Merk des kühnen Reformers gebührende Anerkennung. Als nämlich die Rabbinerversammlung des Jahres die Ausarbeitung eines „Andachtsbuches für Israeliten" beschloß, nahm die hierfür eingesetzte Rommission auf Leopold Steins Veranlassung eine Reihe von Gebeten aus Ahron ben Samuels „Lieblicher Tefilla" in das Andachtsbuch auf. Ahrons Vorschlag, die Jugend zunächst in der Muttersprache, und erst nach erlangtem Verständnis hebräisch beten zu lehren, dürfte auch heute noch diskutabel sein. 6ne propketenttimme aus clem Von Dr. K. Kohler-Cincinnati. erade zum rechten Zeitpunkt, da sich in der deutschen Iudenheit ein Umschwung zum Besseren vollzieht, und die Einsichtsvolleren zu gemeinsamer Tat sich zusammenzuraffen beginnen, kommt das soeben von Frau Nahida Lazarus veröffentlichte „Vermächtnis" unseres unvergeßlichen Moritz Lazarus „an seine Glaubensgenossen" wie ein aus hohem Gebirgsfelsen hervorsprudelnder <Vuell voll Wucht und voll erquickender Frische inmitten der Dürre, und aus dem „Aufruf zur Erneuerung des Judentums" klingt es toie, ein Echo aus vergangenen Tagen an unser Ohr: „Ich schlafe, doch mein Herz ist wach". Vor zwanzig Jahren bereits hatte er die Worte niedergeschrieben, mit denen er gegen die kraft- und saftlose Schulchan-Aruch-Orthodoxie hen Rampf aufzunehmen sich ent- 6rabe. schloß. Noch hatten damals die wogen des Judenhasses und des Iudengemetzels ihre tiefen Furchen kaum in die jüdische Gedankenwelt gegraben, um das gesunde Urteil über alles vom Judentum Mitgeschleppte und hergebrachte zu trüben und erklärte Freidenker und Agnostiker über Nacht zu frommen Apologeten umzuwandeln. Ohne Scheu und Furcht legt hier der allbewunderte, gottbegnadete frühere Präsident der Leipziger Synode die Schwächen und Schäden des verknöcherten Gesetzesjudentums bloß, um es von der Fäulnis halakischer Rasuistik zu befreien und ihm neue Lebenskraft, die Rraft ewiger Verjüngung des Geistes, zuzuführen, wahrlich, so schreibt nur der, dem das Herz von Liebe und Begeisterung für das heilige Vatererbe glüht, der aber mit tiefempfundenem Schmerz dasselbe von blinden Buch-