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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 10 (1909) · p. Seite 232

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
10 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 232 (sequence 16)
Language
German
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232 Ar. Molke: Gin Reformer vor zweihundert Jahren „Wenn nun ... die Ohren hören, und das Herz versteht's nicht, die Augen sehen, der Mund spricht eine fremde Sprache, und das Herz versteht's nicht: dann wird das Herz verstockt: der Mensch muß ihm nachleben, wie ihm von Jugend auf der böse Trieb eingeboren ist; alle Tage lernt er mehr leichtfertige Bosheit, und das ist ihm eine rechte Lust, bis er verloren geht von dieser Welt, von all unserer Bosheit ist dies die Ursach': daß man den Rindern in der fugend den Unterricht nicht zu Kerzen bringt. Darum sieht man auf dem Lande einen Hergang in der Synagoge, am Tischo b‘Aw wie am Simchas Thora, bei der Beerdigung, wie bei der Hochzeit, und wollte einer dagegen sprechen, so werden seine Worte nicht gehört, weil keine Gottesfurcht und Menschenliebe von Jugend an bei ihnen eingexflanzt ist. Auf diese weise tun wir auf dem Lande in der Synagoge noch mehr Unrecht, was man wegen chillul hasehem nicht schreiben darf, wer dem Ewigen — gelobt sei Er! — recht dienen will, der muß in seiner Not Gott ernstlich anrufen, wie Rönig David spricht: „Da mir bange war, Hab' ich gerufen, und Gott antwortete mir", und wenn es ihm wohl geht, dann ist der Mensch schuldig zu danken und zu loben alle Minuten mit Freuden für die Gnad', welche der Ewige — gelobt sei Er! — an ihm tut, wie es wieder heißt: „was soll ich Gott vergelten für alle die Wohltaten, die Er mir erweist!" Dies aber können wir arme Landleut' nicht, ob wir bitten oder danken — wir brummeln eins wie das andere weg; wenn wir's nur gesagt haben, dann ist's bei uns schon recht. Darum können wir weder Gottesfurcht noch Liebe haben, dem Ewigen — gelobt sei Er! — zu dienen, und können auch nicht halten: „Schärf's deinen Rindern ein!" (5. B. M. 6, 7), denn wir wissen selber nichts." Bei der Jugend — das ist seine Hauptforderung — muß der Anfang gemacht werden. Der bisherige weg ist nicht der richtige: „wie quält sich mancher arme Mann, damit er nebbich seine Rinder lernen lasse. Gerne wollt' er das seinige tun, damit er seine Rinder zur Thora und zu maassim towim bringen könnte, doch er weiß nebbich nicht, daß, wenn er auch viel auf sein Rind wendet, und es lernt vier oder fünf Jahr', sein Herz nichts davon weiß; denn die Ohren haben dem Lehrer zugehört, der Mund hat ihm nachgeredet, aber sein Herz merkt nichts davon." Erfolg kann der Unterricht nur dann haben, „wenn die jungen Rinder ihre Gebete zwei oder drei Jahre deutsch lernen, daß ihr jung Herz recht versteht, was sie lernen. Dann werden sie mit der Zeit erst rechten Appetit haben, die hebräischen Gebete mit Scheu und Ehrfurcht zu beten. Dadurch könnten die gemeinen Leut' auf dem Lande zu Frömmigkeit kommen, dabei ehrlich ihre Nahrung sinden, sie würden nicht so leichtfertig sein, wie wir sind, und verstünden hebräisch besser als jetzt." Aber nicht nur die Rinder sollen „zwei und drei Jahre lang wohl darinnen (d. h. im deutschen Gebetbuche) lernen", nein, sein Studium soll auch die Erwachsenen befähigen, Andersgläubigen in religiösen Dingen die rechte Antwort zu geben, namentlich aber „in deutsch Mutter-lösohen" verständnisvoll zu beten: „denn aus Hebräischen Büchern können wir Landleut' gar wenig verstehen". Das deutsche Gebetbuch soll der Jugend zugleich als deutsches Lehr- und Lesebuch dienen: „Die Rinder werden lernen, in einer schönen Sprach' -zu reden, und zu schreiben ohne ' Fehler." Trotz der besten Absichten, die seinem Buche zu Grunde liegen, kann der Verfasser die Befürchtung nicht unterdrücken, sein freimütig Wort und noch mehr seine unerhörte Forderung werden das Mißfallen seiner Glaubensbrüder erregen. Drum schließt er: „Ich hoffe, liebe Brüder, Ihr werdet mir

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