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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 10 (1909) · p. Seite 231

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
10 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 231 (sequence 15)
Language
German
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o o o o Ar. Molde: Gin Reformer vor zweihundert Jahren 231 im Schwange ist. Darum ist mein Herz so betrübt über diejenigen, die seinem heiligen Namen zuwider leben, und kümmert sich, daß wir, d'ne K'döschim, unsere lieblichen Gebete nicht verstehen sollen, und dadurch so leichtfertig sind; deshalb ist es mir nicht möglich, daß ich schweigen kann, denn mein Herz brennt in mir wie ein Feuer. Wenn ich an diese Widerwärtigkeiten denke, so wünsche ich mir das Leben nicht, und spreche: hätte ich doch Flügel, daß ich weit weg von hier fliegen und wohnen fönnt', denn ich bemerke nichts als Streit und Gewalttat im Orte. Darum . . . dachte ich mir, weil du doch keine Zuflucht zu Menschen hast, so willst du tun, was in den Büchern steht, denn es ist keiner verlassen worden, der seiner heiligen Thora gefolgt hat. Darum war ich fleißig in diesen Sachen und hoffe, sie bis an mein Ende zu suchen. Darum ruht' und rastet' ich nicht und gab meinen Augen keinen Schlummer, bis. ich dieses Büchlein in deutscher Sprache zur Presse gebracht habe, denn es steht geschrieben: Du sollst Gott ehren von deinem Gute." Auf sein Ziel lossteuernd, fordert unser ungelehrter Verfasser, „unsere Gebete von Grund des Herzens zu verrichten". Gegenstand unseres Gebetes soll ein reines Herz, ein fester Geist, Gottesfurcht, rechte Führung, Klugheit und Erkenntnis sein; aber auch um „gute Sitten" sollen wir alle Tage beten, „denn wir können keine gute Eigenschaft erlangen, wir haben sie denn erbeten". „Weil wir nun sehen und erkennen, daß der Mensch, wenn er sein gut Herz haben will, er solches erst erbeten muß, sonst kann er schwerlich zu guten Sitten kommen, denn der Mensch ist Fleisch und Blut, was allezeit zum Bösen geneigt ist; nun so tnuß man, wenn man etwas Gutes aus dem Menschen machen will, ihm Gottesfurcht und Liebe in der Jugend einpflanzen, denn im Alter ist nichts mehr aus ihm zu machen. Wie Eli sch a ben Abuja in den „Sprüchen der Väter" spricht: „Wer ein jung Kind belehrt, ist's eben, wie wenn man mit Tinte auf frisch Papier schreibt, aber wer einen Alten belehrt, ist gleich, wie wenn man mit Tinte auf schwarz verkleckst papier schreiben will." So spricht auch ein Weiser im Leier chachamoth: wenn man haben wolle, daß kluge Männer heranwachsen, so solle man den jungen Kindern den Unterricht wohl zu Herzen führen, daß sie recht verstehen, was sie lernen. Und das muß in der Muttersprache sein, sonst kann das Kind den Unterricht nicht verstehen. Zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr' ist des Menschenkindes Herz wie ein neu Buch: was in dieser Zeit darein geschrieben wird, das bleibt. Schreibt man nun kluge Dinge darauf, was das Kind versteht, so kann das Kind ein Chochom werden; lernt es aber in diesen Jahren und versteht's nicht, dann bleibt sein Herz verstockt bis an sein End'. Denn nach dem zwölften Jahr' ist das Herz ein verkritzelt pqpier: wenn es der Mensch auch dann noch zur Gelehrsamkeit bringt, so kann er doch keine Andacht haben, wenn nicht durch großes Mißgeschick und körperliche Leiden. Darum soll man mit dem Kinde in der Muttersprach' lernen. Lernt man aber mit dem Kinde in einer anderen Sprach', die es nicht versteht, so ackert man mit -dem Kinde sechs oder sieben Jahr', und sein Herz weiß nicht, was es bedeut' Gottesfurcht oder Menschenliebe: „sie wissen nichts, sie verstehen nichts, sie tappen im Finstern". Daher kommt es, daß die meisten von uns die Gebete ohne Andacht verrichten." Diesen Gedanken spinnt er weiter aus, um nachzuweisen, daß die Unkenntnis unserer Gebete zum moralischen Verfall des Individuums sowie zur Würdelosigkeit des Gottesdienstes führen muß. Diese Schlußfolgerungen formuliert er:

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