Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 10 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Ar. Molde: Ein Reformer vor zweihundert Jahren Diesen Uebelstand empfand ein einfacher Landmann, Ahron ben Samuel aus Hergershausen, Kreis Vffenbach, um fo schmerzlicher, als er von ihm eine Abkehr von Gott und einen Verfall der Sitten befürchtete. Darum veröffentlichte er vor genau 200 Jahren, im Adar 5H69, ein deutsches Gebetbuch in jüdisch-deutscher Schrift unter dem Titel „Liebliche Tefilla, oder kräftige Arzenei für Out und Ne* s c h o m o". Line bloße Uebersetzung des Gebetbuches ist diese „Tefilla" nicht, wenn sie auch übersetzte Gebete sowie Psalmen enthält. Ihren Hauptinhalt bilden vielmehr Gebete für die verschiedenen Wechselfälle des menschlichen Lebens. Rabbiner L. Stein in Frankfurt, dem diese Tefilla Vorgelegen hat, charakterisiert die in ihr enthaltenen Gebete im Kalender pro 5607 (^8H7) wie folgt: „Sie zeugen durchgehends von tiefreligiösem Gefühl, echt menschlicher Anschauungsweise und wahrhaft frommer Linfalt, sind nicht mit den gewöhnlichen T'chinnoth zu vergleichen, sondern stehen in Inhalt und Behandlung weit höher, haben seltenere Themata, wie z. B. „eine schöne Tefilla zu beten, daß wann und Weib lieblich leben sollen" oder „eine schöne Tefilla für einen Knecht oder Rtagd" usw. war es schon ein Wagnis, ein deutsches Gebetbuch herauszugeben, so mußte die ihm Vorangeschickte Einleitung den Verfasser — in der vormendelssohnschen Zeit! — in den Ruf eines ketzerischen Reformers bringen. Diese langatmige Einleitung — bei Stein umfaßt sie \6 Seiten — ist etwas verworren; sie zeugt aber von schlichter, tiefer Frömmigkeit, von reichen Kenntnissen in allen das Judentum betreffenden DiNgen und von dem ehrlichen Bestreben, „vielen Heil zu bringen". Ahron ben Samuel weiß im voraus: „Wohl mancher eingebildete Chochom möchte über meine unterschiedlichen einfältigen Reden lachen." Solchen Spöttern aber hält er den Ausspruch des weisen Ben S i r a entgegen: „Ls ist besser, ein wenig Weisheit mit Gottesfurcht, als viel Weisheit mit Hinterlist" und fährt dann fort: „Gewiß, ein Rkensch, der ein großer kam den ist und fürchtet sich nicht vor Gott, der ist kein CEhochom, wie es heißt: „wo keine Gottesfurcht, da keine Weisheit". Darum, weil die falschen Herzen und die verleumderischen Leute wider mich streben, mein aufrichtig Gemüt nicht wissen und auch nicht erkennen wollen, so hoffe ich, alle guten Herzen werden in diesem Buche mein gut Herz erkennen." Der Verfasser rechtfertigt alsdann sein Vorgehen, indem er dartut, wie er in Not und Llend sich an Gott und seine Gebote geklammert, und wie ihm schließlich der Trost, der ihm daraus erblühte, die Feder in die Hand gedrückt hat: „Armut, Dürftigkeit, Leiden und Widerwärtigkeit der Feinde haben mich gezwungen, daß ich den Lwigen — gelobt sei Lr! — um Hülfe Hab' anrufen Müssen; dieweil meine Lltern mich allein gelassen haben, und keinen. Freund in der ganzen Welt! Also habe ich meine ganze Hoffnung zu Gott gestellt, und Hab' Trost gesucht in denen lieblichen Büchern, wie geschrieben steht: „Das ist mein Trost in meiner Armut, daß dein Wort mich belebt." Und wo ein Vers ist gewesen zu guten Sitten, da Hab' ich allezeit gebetet und mich recht erfreuet darüber. Ich hab's gemacht wie die Bienen, die auf allen Blumen sitzen und zuckeln den Honig aus. Ich suchte Trost in der lieblichen Thora, welche ich nicht verstanden habe, weil ich aber gar wenig im loseken hakkodesch. konnte, so kaufte ich mir deutsche Bücher gegen die hebräischen, und suchte fleißig vom ganzen Herzen die göttliche Weisheit zu erkundigen; da lernte ich in deutschen Büchern gar viel, was ich mein Lebtag nicht gewußt Hab'. Nun aber sind meine Augen ein wenig geöffnet, daß ich erkenne die Bosheit, welche unter uns