Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 10 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Molde: Gin Reformer vor zweihundert Jahren 229 Schreibmaschine, bei der man nur den Finger zu bewegen hat. Ich will wahrlich nicht denen das Wort reden, die nichtachtend alles ihnen Unbequeme bei Seite werfen, die pietätlos die höchsten Feiertage vergessen, die da glauben, sie können den Gottesdienst entbehren und sich innerlich und äußerlich loslösen von der heiligen Gemeinschaft; nein, mit den schärfsten Waffen sind solche zu bekämpfen. Nur denjenigen gilt meine Verteidigung, die das nach ihrer Ueberzeugung Ueberflüssige, Unhaltbare, das Niemand schadet und Niemand nützt, unterlassen, aber trotzdem mit ihrer ganzen Persönlichkeit, ihrem vermögen und ihrem Können eintreten für unser Judentum; die eine offene Hand haben für die Armen und Trost und liebreichen Zuspruch für die Bedrückten, die stets fördernd und helfend eingreifen, wo das Gemeinwohl es erheischt, die für das Recht des Judentums kämpfen. Ulammert euch nicht an den Buchstaben des Gesetzes,^ indem ihr glaubet, damit genug getan zu haben, sondern erfasset den Geist der Religion, erfüllet euch mit jüdischem Selbstbewußtsein, suchet das Judentum zu befestigen nach innen und außen durch Wort und Tat, tretet kühn jallen Anfeindungen in dem Bewußtsein unserer gerechten Sache entgegen, so werdet ihr Stein auf Stein fügen zu dem festen Bau unserer Gemeinschaft und ihn kitten mit eurer gegenseitigen Liebe, Menschlichkeit und Eintracht untereinander, damit Frieden das Werk segne und kröne! kin Reformer vor rweikunäert Von OderieKrer Dr. kugen Wolbe-Bcrlin. eit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts haben sich die Gegensätze zwischen der formentreuen und der sogenannten liberalen Richtung im Judentums zu keiner Zeit so zugesxitzt wie in unseren Tagen. In diesen Kämpfen, die, wenn ehrlich geführt, durchaus erfreulich sind — weil sie von dem das Judentum noch heute durchströmenden frischen Leben Zeugnis ablegen — spielt das Gebet in der Muttersprache eine große Rolle: die Formentreuen wollen keine Zeile des hebräischen Gebets xreisgeben, während die Gegenpartei dessen Einschränkung zu Gunsten des deutschen Gebets erstrebt. Einig sind beide Parteien in der Forderung eines für den betenden Juden verständlichen Gottesdienstes. Diese Forderung ist nicht neu. Schon der Talmud empfiehlt, das Sch'mah in der Muttersprache zu beten (Berachoth \o, \). Eins unserer schönsten Gebete, das Kaddisch, ist nicht in hebräischer, sondern in syrischer Jakren. (aramäischer) Sprache überliefert, in der einstmals auch die Verdolmetschung der Thora- Vorlesung erfolgte (Targum). Im Mittelalter ließen sich vereinzelt Stimmen zu Gunsten des muttersprachlichen Gebets vernehmen, die der von den Rabbinern verhängte Lherem (Bann) freilich bald zum verstummen brachte. In jenen Zeiten, wo der Jude, ausgeschlossen von der Kultur seiner Umgebung, nichts anderes lernte als die heilige Sprache, weil er in dem Studium der religiösen Urkunden des Judentums die höchste Befriedigung fand, lag für die Einführung deutscher Gebete kein Bedürfnis vor. Als aber die Sonne der deutschen Kultur auch für die Juden aufging, da ^nutzte das Hebräische hinter anderen Wissensgebieten Zurücktreten. Die Kenntnis des Hebräischen nahm ab, eine verständnisvolle Teilnahme am Gottesdienste wurde schwieriger; der Iugendunterricht mußte sich auf ein bloßes mechanisches Eindrillen der hebräischen Gebete beschränken.