Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 10 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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228 Alwine Frankel: Frömmigkeit in verschiedener Auffassung 0 O O O würde eben dieser gute, edle Rern mehr geachtet und die zeitgemäßere Form von Jedermann bedingungslos respektiert werden. Wohl viele derjenigen, die an der Spitze der Iudenbewegung stehen, die kämpfen und gekämpft haben für unsere Rechte, sei es im Abgeordnetenhause mit der Waffe ihrer Rede, sei es im Duell mit der stvaffe, die ihr Leben bedroht und oft vernichtet, wohl viele derjenigen werden in den Augen der „Frommen" die „Unfrommen" gewesen sein, und doch haben sie mehr getan und tun es noch, als jene. Ich habe selbst beobachtet, wie ein sogenannter frommer Jude sich seinen Tallisbeutel vorsorglich in der Synagoge in Papier einwickelte, damit die auf der Straße ihm Begegnenden nicht etwa merkten, woher er käme. Ich erinnere im Gegensatz dazu an Herrn Edmund Kantorowicz, der vor Jahren, zu Beginn des Antisemitismus, den Wut hatte, dem bekannten Antisemiten Förster in der Pferdebahn eine (Ohrfeige zu geben für seine Schmähung des Judentums; ich weiß genau, daß Herr R. kein täglicher Synagogenbesucher war. wer von Beiden aber war der bessere Jude? Die Sabbatruhe s o innezuhalten, wie es gewiß jeder gern möchte, ist, besonders seit Einführung der Sonntagsruhe, für den Geschäftsmann, der ohnedies bei der jetzigen Strömung schwer zu kämpfen hat, beinahe unmöglich. Den Gesetzen des Landes, in dem wir leben, müssen wir uns unterwerfen; der Trieb der Selbsterhaltung, die Pflichten gegen die Familie zwingen den Fabrikbesitzer, den Raufmann, den Handwerker, wenn auch nicht zur beständigen Selbsttätigkeit, so doch zum Mindesten zum Arbeitenlassen, seines Personals; er fei denn so'vermögend, daß er zwei Arbeitstage in der Woche verlieren kann. Und auch hier treffen die damaligen Gebote nicht mehr zu, denn Andersgläubige, die gar keinen Sabbat haben, ruhen zu lassen, war sicher nicht gemeint. Zu jener Zeit waren Knecht und Wagd ebenfalls Juden, und nur auf diese bezog sich das Gesetz, das kann auch heute noch auf Wunsch eingerichtet werden, daß der jüdische Angestellte den Sabbat frei hat. Ebensowenig lassen sich mit der heutigen Kommunikation die Fahrverbote vereinen, bleute gehen alle Eisenbahnzüge, alle Dampser, Posten, elektrische und Pferdebahnen so wie so, ob jich mitfahre oder nicht; es braucht sich meinetwegen Niemand und ein jüdischer Arbeiter schon gar nicht anzustrengen. Also weshalb soll das eine so große Sünde sein, wenn ich mühelos, als ob ich in meinem Zimmer sitze, Weilen durchfliege, um vielleicht an das Sterbebett eines teuren Angehörigen zu eilen oder einem lieben Freunde mit meinem Besuche eine Freude zu bereiten, eine für das Leben bedeutungsvolle, wichtige Zusammenkunft zu haben? weshalb soll man am Sabbat nicht Klavier spielen? Ist das eine Arbeit? wem es eine solche ist, der möge es unterlassen! Ist nicht gerade der Sabbat zur Freude, zum Genuß bestimmt, und liebten und ehrten unsere Voreltern die Wusik nicht noch mehr als wir? Ich verweise nur auf den liederreichen Sängerkönig David! Ein Instrument, das überhaupt noch nicht existierte, konnte doch nicht verboten werden! Auch das Schreibens ist jetzt uicht die mühevolle Arbeit, die es früher gewesen, wo allein das Präparieren der Federn, des Pergaments nicht so einfach war, da nur wenige überhaupt dör Schriftzeichen kundig und die Fertigstellung einer Schrift viel Arbeit und Anstrengung verursachte. — Anders jetzt, wo Bildung Gemeingut ist, die schriftliche witteilung kaum mehr wühe macht, als die mündliche: die Feder liegt bereit, man hat nur einzutauchen, und die Worte sind auch schon auf dem Papier; und nun gar mit der