Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 10 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Alwine Frankel: Frömmigkeit in verschiedener Auffassung o o o o 227 der Gemeinschaft handelt. Nur was der Gemeinschaft schädlich ist, indem es die Mittel zu ihrer Erhaltung vermindert, das religiöse Leben verkümmern läßt, die Existenzbedingungen schmälert und nicht die charakteristische Wesenheit des Judentums ausmacht, kann und soll den neuen Verhältnissen zum Opfer fallen oder so umgedeutet und verändert werden, daß an Stelle des Alten das Neue tritt. Die Religion ist in unserer Zeit nicht die allein entscheidende Macht, der sich alle anderen Lebensmächte bedingungslos unterordnen müssen, immer aber war sie und' bleibt sie die Quelle der Rraft eines Volkes und diese Quelle darf nicht verschüttet werden. Frömmigkeit in vertckieäener Auffassung. Von Hlroine fränkel-Berlin. st derjenige ein guter Jude im wahren Sinne des Wortes, der streng die Formen innehält, die Speisegesetze nicht verletzt, am Sabbat und Feiertag weder schreibt noch fährt, aber im übrigen seine Zugehörigkeit am liebsten verleugnet und nicht den Mut hat, öffentlich für seinen Glauben einzutreten? Oder ist es derjenige, der sich über die Innehaltung der kleinen äußerlichen Gebräuche hinwegsetzt und lieber die große Aufgabe erfüllt, das Judentum mit Einsetzung seiner Rraft, seiner Stellung und seines Wissens zu erhalten und zu verteidigen? Fern sei es von mir, unsere alten überlieferten Gesetze der Geringachtung preisgeben zu wollen! Möge sie der, der ihnen einen Wert zuschreibt und der durch nichts gehindert wird, dieselben in vorschriftsmäßiger weise zu befolgen, Hoch- Halten. Aber eine Lanze möchte ich brechen für diejenigen, denen ihr Beruf, ihre Zeit, ihr jDflichtenkreis es nicht gestattet und ihr Gewissen nicht anbefiehlt, dem Buchstaben des Gesetzes zu folgen und die dennoch im Kerzen so gute Juden sind wie jene und oft viel bessere. würde Moses heute gelebt haben, so hätten wir sicherlich zahlreiche, Thora-Gesetze überhaupt nicht; für die damalige Zeit konnten sie nicht klüger und durchdachter ersonnen werden. Heute, wo ein approbierter Tierarzt die Aufsicht über das Schlachthaus hat, ist es schon oft vorgekommen, daß derselbe ein Stück Vieh als nicht völlig gesund zurückweift, das der jüdische Schlächter als koscher befunden, wäre damals schon die Fleischschau gewesen, so wären die verbotenen Tiere religiös nicht verboten worden. Moses wußte, daß nur strenge Gesetze die Begierden im Zaum halten konnten, die sonst gesundheitlich und moralisch verheerend gewirkt hätten. wäre das Händewaschen vor den Mahlzeiten nicht geboten, unsere Ahnen würden oft die Bekanntschaft des reinigenden Nasses nicht gemacht haben. Ls würde zu weit führen, alle die Segnungen der Gesetze für frühere Zeiten nur anzudeuten; aber bei unserem heutigen Rulturzustand, den weitgehenden hygienischen Maßregeln der Jetztzeit sind dieselben zum großen Teil hinfällig geworden, und man darf es dem denkenden Menschen nicht zum Vorwurf machen, wenn er in seinem Hause der Reformator ist, der nach so vielen Jahrtausenden für die Allgemeinheit notwendig wäre. wenn alle die vielen überflüssigen, unhaltbaren und teilweise nachträglich ersonnenen Gesetze und Gesetzchen gestrichen wurden, die den 2(ern unserer herrlichen Religion mit ihrem Wust fast ersticken, so