Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 9 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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214 Rundschau o o o o Die Arbeit der Vereinigung und ihrer Ortsgruppen denkt sich der Redner in folgender weise. Alle Aeußerungen des Lebens im Judentum, alle Formen, Bräuche und Einrichtungen werden einer eingehenden Behandlung unterzogen werden müssen, bei der nicht nur die Männer der Wissenschaft, sondern auch die im Leben stehenden Männer und Frauen ihre Stimmen und ihre Erfahrungen geltend machen sollen. Dr. Kaelter betonte, daß diese Arbeit zunächst nur die Richtlinien werde aufstellen können, nach denen sich die Entwicklung allmählich vollziehen solle — weder denjenigen, die unter dem Banne des Trägheitsgesetzes jede Tat fürchten, noch auch denjenigen, die ohne Rücksicht auf die bestehenden Verhältnisse zu Taten drängen, dürfte einseitig die Leitung anvertraut sein, deim die Liebe zur Gesamtheit des Judentums und das Bewußtsein der Einheitlichkeit aller Juden müsse in den Kerzen bleiben. Und noch Eines hob der Redner mit Nachdruck hervor: nicht der Wunsch einer Gleichmacherei um jeden Preis darf unsere Arbeit leiten. Nicht Einförmigkeit, sondern Individualität ist die Losung unserer Zeit — wir sollen und wollen auch in unseren Formen nicht die lebenskräftige Eigenart unserer religiösen Zugehörigkeit verwischen. Mit einem warmen Appell an die Anwesenden, zumal an die besonders zahlreich erschienenen Damen, Ernst zu machen mit der Betätigung des liberalen Judentums, schloß der Redner. Auch ihm wurde einhelliger und freudiger Beifall zu teil. Nach einer kurzen Diskussion, in welcher hauptsächlich Fragen der Propaganda und der inneren Organisation besprochen wurden, schloß der Vorsitzende um Uhr die Versammlung mit dem Ausdrucke herzlicher Befriedigung über ihren außerordentlich würdigen Verlauf. Die Ortsgruppe Danzig der Vereinigung für das liberale Judentum zählt zur Zeit ca. \00 Mitglieder. Stettin. Am 27. April hielt Herr Justiz rat Breslauer auf Einladung der hiesigen Mitglieder der Vereinigung für das liberale Judentum Hierselbst einen von Herren und Damen sehr zahlreich besuchten öffentlichen Vortrag, in welchem er die Zwecke und Ziele der Vereinigung in klarer, wohl durchdachter weise darlegte und die einzelnen Punkte des liberalen Programms gegen die von verschiedenen Seiten erhobenen Einwendungen verteidigte. Einleitend betonte er die Notwendigkeit eines festen Zusammenschlusses aller liberal denkenden Juden, weil nur so der Kampf mit unseren Gegnern erfolgreich geführt werden könne. Nicht die ehrlichen Orthodoxen oder Gesetzestreuen seien als unsere Gegner zu betrachten, sie würden es erst dann, wenn sie, wie es mehrfach geschah, ihre Richtung als die einzig berechtigte erklären und die Liberalen nicht als Juden anerkennen. Verwerflich, weil unehrlich und die Religion herabwürdigend, sei das Verhalten derjenigen sogenannten Konservativen, die für ihre Person sich durch das Zeremonialgesetz nicht gebunden erachten, aber von Andern seine strenge Befolgung verlangen. Mit wahrhaft begeisternden Worten wandte sich der Vortragende zum Schluß seiner mit großem Beifall aufgenommenen Auseinandersetzungen gegen die Indifferenten, die sich selbst des unermeßlichen Segens berauben, den die jüdische Religion ihren Bekennern bereitet, und die für das Judentum zurückzugewinnen, die wichtigste Aufgabe der liberalen Vereinigung sei. Nachdem Herr Iustizrat L e w i n dem Vortragenden den Dank der Versammlung ausgesprochen hatte, richtete Herr Rabbiner D r. V o g e l st e i n an die Anwesenden die dringende Mahnung, der religiösen Unterweisung der Jugend wohlwollende Teilnahme und Fürsorge angedeihen zu lassen: denn die Kenntnis der jüdischen Glaubens- und Sittenlehren, sowie der Geschichte des Judentums sei die beste Waffe im Kampfe gegen den Indifferentismus, und wenn es der liberalen Vereinigung gelinge, die Gleichgültigen in größerer Zahl wieder für jüdisches Leben und Empfinden zu gewinnen und vor allem dem weiteren Umsichgreifen des Indifferentismus Einhalt zu tun, dann erwerbe sie sich ein Verdienst um das Gesamtjudentum, das auch von den Gegnern werde anerkannt werden müssen. Unmittelbar nach dem Vortrage erfolgten verschiedene Beitritte zur Vereinigung, und in nächster Zeit wird nunmehr auch hier eine Ortsgruppe gebildet werden.